Ein Gewebe fürs Lesen

Roland Barthes schreibt im Essay Die Lust am Text (S.94.): „Text heißt Gewebe; aber während man dies Gewebe bisher immer als Produkt, einen fertigen Schleier aufgefasst hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, dass der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet; in diesem Gewebe – dieser Textur – verloren, löst sich das Subjekt auf wie eine Spinne, die selbst in die konstruktiven Sekretionen ihres Netzes aufginge.“ Für Barthes weist der Text auf die Prozesse des Schreibens und des Lesens hin, die als Flechten und Weben erscheinen. Der Leser webe die geschriebene Textur weiter. Und wahr: Jedes Lesen bringt neue Bedeutungen hervor, und überdies entstehen viele Interpretationen. Der jeweilige Leser kann sich ebenso wie eine Spinne vorkommen, die sich im Gewebe auflöst, wie der Autor. Es entstehe eine Kluft im Moment des Konsums, „wir lesen nicht alles mit derselben Leseintensität“ und es besteht ein Rhythmus zwischen dem was man liest und dem, was man nicht liest (S. 18). Das Lesen und das Schreiben, denn sie ebenfalls Weben und Flechten sind, bringen ein Geflecht, ein Material hervor, welches zerreißbar und löchrig oder porös ist. Die Kluft, die Löcher, die Zwischenräume entstehen, da kein vollständiges oder richtiges Verstehen zustande kommen kann (S. 20).

Barthes trennt Lesen und Schreiben nicht komplett voneinander. Doch bevorzugt er eine Schreibweise, die dem Text als Gewebe entspricht, die Differenzen wahrt, Widersprüche anerkennt (S. 23). Barthes selbst schreibt auch auf diese Weise, „poetisch“, seine Aussagen können im zitierten Essay (Die Lust am Text) einander widersprechen. Klare Definitionen fehlen, Lesen und Schreiben sind ebenso wenig klar und eindeutig zu trennen, wie solche Begriffe, wie Lust und Wollust, Werk und Text.

Wenn der Text ein Gewebe ist, das impliziert auch, dass er ein Inter-Text ist: „die Unmöglichkeit, außerhalb des unendlichen Textes zu leben – ob dieser Text nun Proust oder die Tageszeitung oder der Fernsehschirm ist: das Buch macht den Sinn, der Sinn macht das Leben.“ (S. 53-54). Flechten und Weben, deshalb Lesen und Schreiben sind auch Hinweisen, Andeuten und Zitieren. Bezugstexte werden zitiert, an Bezugstexte wird hingewiesen. Die Bedeutungen zirkulieren in den Texten durch andere Texte. Zum Schluss ist die Literatur und jenseits der Literatur die unendliche Mitteilung nicht anderes, als ein Gewebe. Aus diesem Zitat kann man auch entnehmen, dass es für Barthes selbst nicht nur um das Buch und um die Literatur geht. Inter-Text bedeutet „die Unmöglichkeit, außerhalb des unendlichen Textes zu leben“. Man beschäftigt sich, man konfrontiert sich ständig mit Medien. Es ist klar, das Netz modelliert nicht nur die Vernetztheit, die Gesellschaft, die Technologie, sondern, als Gewebe, auch die Medialität.

Roland Barthes: Die Lust am Text, Bibliothek Suhrkamp, Suhrkamp Verlag, Ü: Traugott König, 1974

 

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