Carmen Herrera in der Kunstsammlung K20

Zuerst fand ich kurios, dass das Alter eines Künstlers überhaupt zu einem wichtigen Thema werden kann, wie bei der aktuellen Ausstellung in der Kunstsammlung K20. Die Merkwürdigkeit der Künstlerin, Carmen Herrera ist nämlich, dass sie 102 Jahre alt ist, und dass sie 89 Jahre alt war, als ihre Werke von dem Kunstmarkt entdeckt wurden.

„Your story is such an inspiration, I say. It teaches us all to not give up; to have faith in ourselves.” She shakes her head. “No,” she says. “I am not a teacher. An example, yes; teacher, no.” (theguardian.com, Simon Hattenstone 31.12.2016).

Aber ihr Alter ist auch ästhetisch relevant: diese Ausstellung kann ihre früheren künstlerischen Phasen (zum Beispiel die schwarz-weißen Bilder aus den 50-er Jahren) ebenso zeigen, wie ihr zeitgenössisches Schaffen, somit die neuesten Werke. Aber wenn das nicht wäre, sprechen die Gemälden doch für sich.

Es geht um eine abstrakte, experimentelle Neuentdeckung der Beziehungen zwischen Grundfarben und geometrischen Formen, in Hinblick auf Raumgegebenheiten. Denn die Zusammenstellung der Grundformen und der Farben ergibt auf der Bildfläche architektonische, perspektivische Verschiebungen. Wir können eine einfache Änderung an der gewöhnlichen Einstellung nachvollziehen, und als Ergebnis, erhalten wir eine neue optische Wahrnehmung.

Auch wenn die geometrischen Formen und die Farben in einem Bild sehr präzise, sehr genau gemalt sind, und fast vollkommen zu sein scheint auch die Symmetrie, doch symmetrisch ist das Bild nicht. Eine klare Farbkontrast unterstützt die Annahme, dass alles im Bild auf die einfachste Ordnung zurückzuführen ist, weil die einfachste die stabilste sei. Es ist fast so. Doch nicht. Wenn nicht die Symmetrie fehlt, dann wird der Bildraum nicht in der Mitte geteilt, sondern ein wenig daneben. Unser Sinn versucht natürlich die Ordnung wiederherzustellen, aber vergebens. Oder fast entsteht die Optik der Dreidimensionalität, aber nur fast. Wir müssen dafür hartnäckig abstrahieren.

Bei der Kunst geht es ja immer darum, dass wir beim Sehen auch denken, sortieren und umordnen müssen, deshalb neu denken und neu sehen. Und wir suchen und wir sehen im Bild vielleicht etwas, was die anderen nicht so sehen, wie wir. Der Titel der Ausstellung war: „Lines of Sight“.

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Ausstellungsplakat

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