Atmosphären – Gernot Böhme

Manchmal, wenn man einen Raum betritt, zum Beispiel in einer Kirche, in einem Haus, oder wenn man sich in einem Garten oder in einem Pavillon befindet, fühlt man sich bezaubert. Man versucht dieses Gefühl in Worte fassen, und sagt, dieser Ort habe eine besondere Atmosphäre. Jeder kann Atmosphären wahrnehmen, doch wir haben nur eine nebelhafte Vorstellung über sie. Diesmal möchte ich kurz auf die einleuchtende Beschreibung der Atmosphären von Gernot Böhme hinweisen.

Böhme leitet seine Ästhetik aus dem Begriff der Atmosphäre ab (Gernot Böhme: Atmosphäre, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995.) Er behauptet, dass die Atmosphäre einen Zwischenstatus in der Subjekt-Objekt Dichotomie besitzt. Sie ist räumlich randlos, nicht lokalisierbar als Objekt, aber auch nicht subjektiv, wie ein Seelenzustand. Als der Grundbegriff einer neuen Ästhetik schwebt sie doch wieder nicht frei und undefinierbar. Böhme definiert deshalb Atmosphären so, dass sie von Räumen, Gegenständen oder von Menschen, von ihrem Verhalten ausgehen oder geschafft werden. Atmosphären lassen etwas, argumentiert Böhme, Menschen oder Ding durch seine Anwesenheit, Wirklichkeit im Raum denken. Atmosphäre entsteht deshalb in Verbindung zwischen Menschen und Raum, drückt aus, wie sich ein Mensch in einem Raum oder in einer Umgebung befindet. Atmosphäre evoziert Emotionen, beeinflusst die Stimmung.

Es genügt an die Werbungen zu denken, um festzustellen, Atmosphären haben Macht. Diese tritt aber nicht als solches auf, „sie greift an beim Unbewussten“. (S. 42.). Diese Erkenntnis setze kritische Haltung gegenüber Atmosphären voraus, bestätigt Böhme, aber kein Grund für viel zu große Distanz. Denn Atmosphären zu erzeugen sei Grundbedürfnis der Lebewesen. Es sei nicht nur unsere Kultur sondern auch unsere Natur, dass wir Atmosphären schaffen und wahrnehmen, ästhetische Ansprüche haben, uns zeigen wollen, aus uns heraustreten können und wollen.

In der Ästhetik, die Böhme vorschlägt, steht die Erfahrung im Mittelpunkt, dass Menschen, Tiere, Pflanzen gleichzeitig wahrnehmen und wahrgenommen werden. Darüber hinaus nicht nur Lebewesen, sondern auch Dinge, Räume wirken sich auf einander aus. Sie bilden dadurch eine Atmosphäre, die ebenso natürlich wie geschaffen ist. Walter Benjamin‘s Aura-Begriff zufolge ist die Wahrnehmung der Atmosphäre leiblich, körperlich: man atmet die Aura, mit anderem Wort also die Atmosphäre ein. „Und zwar ist die Aura offenbar etwas räumlich Ergossenes, fast so etwas wie ein Hauch oder ein Dunst – eben eine Atmosphäre. Benjamin sagt, dass man die Aura „atmet“. Dieses Atmen heißt also, dass man sie leiblich aufnimmt. Sie in die leibliche Ökonomie von Spannung und Schwellung eingehen lässt, dass man sich von dieser Atmosphäre durchwehen lässt.“ (S. 27).

Atmosphäre ist nicht nur eine Stimmung, eine ästhetische Kategorie, sondern sie entspricht, wie Benjamin und Böhme sie definieren, der gasförmigen Hülle der Erde. Die Selbstverständlichkeit des Ein- und Ausatmens, wie man die Atmosphäre tatsächlich ein- und ausatmet, oder die Bewegung durch Gegenden und Räume, wie man sich irgendwo befindet – immer beweglich, wie man kommt und geht und sich von der Umgebung bezaubern lässt, ist wichtiger Teil unseres Atmosphäre-Erlebnisses.

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