Heldin

Heinrich Böll: Gruppenbild mit Dame (1971)

Die Leni lebt doch einfach ihr außergewöhnliches Leben, indem sie Werten folgt, die die meisten nicht schätzen wissen. Ich suchte mir bewusst oder unbewusst das Buch aus, das eine Frau für Protagonistin wählt, die aus Fleisch und Blut und keine romantische Vorstellung ist über junge Frauen, die Männer sich wünschen. Und trotzdem eine Heldin.

Sie ist verachtet, sie ist im Weg, eine moralische Schande in ihrer Umwelt, und doch sie ist das Wertvolle. „Die Umwelt möchte Leni am liebsten ab- oder wegschaffen; es wird sogar hinter ihr gerufen: »Ab mit dir« oder »Weg mit dir«…“ erfahren wir am Anfang des Romans. Wir sind im Jahr 1970, Leni ist 48 Jahre alt, und Böll erzählt und dokumentiert mit voller Genauigkeit, erzählerischer Kraft, Ironie und Humor, letzter macht das Unerträgliche erfassbar, Lenis Geschichte, und den Krieg durch ihre Geschichte, und er geht ihren Sünden nach.

Böll stellt interessante Charaktere mit verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründen vor und webt seinen Stoff aus emotionell und intellektuell reich beladenen Erzählungsfäden. Am Ende des Romans verkörpert Leni doch die menschlichen Werte, die der Krieg vernichten wollte und die Lenis Umwelt nicht erkennt und mit Leni zusammen aus dem Weg fegen zu wollen scheint. Werte, die das Überleben allerdings kaum möglich machen, denn alle Protagonisten um Leni herum sterben für diese (oder wegen dieser) Werte. Durch Leni leben sie doch weiter.

Bölls Heldin verkörpert, meiner Meinung nach, so sinnlich, naiv, schweigsam und seltsam sie auch ist (nicht zu verschweigen, dass es hier um ein Happy End geht: „Bemerkt der ungeduldige Leser, dass hier massenhaft Happy-Ends stattfinden? (…) Dass ein Türke, der aussieht wie ein Bauer aus der Röhn oder der Zentraleifel, die Braut heimführt? Ein Mensch, der zu Hause bereits eine Frau und vier Kinder sitzen hat (…) Ein Müllarbeiter, der Mülltonnen rollt, hochhebt, auskippt, in Liebe verbunden mit einer Frau, die um drei Männer trauert, Kafka gelesen hat, Hölderlin auswendig kennt, die Sängerin, Pianistin, Malerin, Geliebte, vollendete und werdende Mutter ist...“), Leni verkörpert die Möglichkeit des Überlebens.

Ich fühle mich jetzt wie eine ehemalige Nonne, um das oben angefangene Zitat noch zu Ende zu führen: Leni ist, „die den Pulsschlag einer ehemaligen Nonne, die zeitlebens mit dem Problem der Wirklichkeit in literarischen Werken herumgeschlagen hat, höher und höher lässt“. Die ehemalige Nonne und der Türke sind allerdings nicht in Lenis Geschichte verwoben, sie erscheinen nur in der Abschlussszene, auf dem Gruppenbild, welches Leni zum Schluss liebevoll umgibt.

dame

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