Kinder von Daraa

Rafik Schami: Sami und der Wunsch nach Freiheit, Beltz & Gelberg 2017

Mein Sohn erhielt zu seinem 12. Geburtstag von mir das Buch „Sami und der Wunsch nach Freiheit“ von Rafik Schami∗. Mich sprach das Cover sofort an. Ich wollte einerseits, dass er deutschsprachige Literatur liest, ich wusste andererseits, dass er gerne Geschichten aus anderen, weit entfernten Ländern liest, und ich fand zu guter Letzt interessant, dass die Handlung in der Gegenwart spielt. Es war mir äußerst aufregend abzuwarten, ob er sich über das Buch freut. Er las es dann in einem Zug innerhalb von ein Paar Tagen, und er weckte damit mein noch größeres Interesse für das Buch. Auch ich musste es lesen.

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Sami und der Wunsch nach Freiheit“ ist die Geschichte des Syrischen Aufstands 2011, welchen Kinder von Daraa ausgelöst haben, erzählt von einem jungen Mann, namens Scharif, der daran teilgenommen hat. Rafik Schami berichtet dadurch aus erster Hand über den Aufstand.

 „Ich weiß nicht, wie viele Jahrzehnte vergehen werden, bis die Erwachsenen verstehen, warum und wie die Kinder den Aufstand in Syrien entzündet haben. Nach meinem Wissen ist es der erste Aufstand der Geschichte, den Kinder ausgelöst haben. Wenn die Erwachsenen genau hinsehen, werden sie mit der Zeit alles besser begreifen. Wir, die Jugendlichen, haben es damals sehr schnell kapiert und uns vollkommen identifiziert.“ 30. Kapitel „Die Narbe der Freiheit“.

Diesem Unbegreiflichen kann man sich ja nur aus der Perspektive der Kinder und Jugendlichen annähern. Rafik Schami gibt so die Worte von Scharif wieder. Der junge Erzähler gibt wenig von sich selbst preis, vielmehr stellt er seinen Freund, Sami, als Helden in den Vordergrund, wie Sami seine Narben erkämpft hat. Der tapfere Freund sammelt schon als kleines Kind Narben, er kennt keine Gefahr, wenn ihm etwas oder jemand, sei es eine Katze, ein guter Freund oder seine Liebe, lieb und wert ist. Kleine fesselnde Geschichten schildern zwischendurch das Leben in Damaskus an der Jahrtausendwende: die Armut, die Diktatur, den Geheimdienst, die Angst von Spitzeln, die verheimlichten doch offensichtlichen Folterungen, die sadistischen Lehrer. Doch auch die spannenden Verwöhnungstagen mit den Müttern im Hammam können nicht fehlen, außerdem die wenigen Lehrer, die Ehre der Jugendlichen verdienten und die ihre Talente entdeckten und herausforderten.

Die Männer, die wir kennenlernen, sind meist Polizisten, Spitzel, Lehrer und Geheimdienstler, seltener Lebenskünstler, Weltwanderer, arglose Händler und Armselige. Die liebevollen Mütter werden in diesem Buch aber mit großer Bewunderung und Dankbarkeit behandelt. (Doch kein Zufall, dass ich dieses Buch ausgewählt habe!) Gleich die erste Geschichte entzückte mich, sie handelt von der Geburt.

Die Hebamme sprach mit zwei Stimmen. Mit der einen, der tiefen, versuchte sie dem Kind im Bauch seiner Mutter den Eintritt in die Welt zu erleichtern. Mit der anderen, piepsenden Stimme gab sie die Meinung des Kindes wieder. Sie war eine Meisterin in dieser Kunst. Sie ahmte das Kind mit ihrer hohen Stimme derart herzerfrischend nach und reimte dazu auch noch alles, was sie sagte, sodass die gebärende Frau bald Tränen lachte und Schmerz und Angst vergaß.“ 2. Kapitel „Zwillinge von zwei Müttern

Das Buch veranschaulicht, dass auch die Kinder frei sein wollen, und das schönste Kapitel des Buches erzählt über den Artikel, den Scharif für die erste Wandzeitung der Schule geschrieben hat. Der gute Arabischlehrer lobt seine Geschichte, schlägt aber vor, sie offen zu lassen:

„Unterbrich die Geschichte einfach dort, wo die Raupe gerade mit dem Weben ihres Kokons fertig ist und vom Schmetterlingsflug träumt«, sagte er, dachte kurz nach und sagte dann einen Satz, den ich erst Jahrzehnte später verstehen sollte: »Wir träumen alle davon, Schmetterlinge zu werden, doch man will uns nur als Raupen leben lassen«“ 14. Kapitel „Der Traum der Raupe“

Das Buch endet mit der Erzählung der Rebellion, die Sami und Scharif nicht mit Schießgewähr, sondern mit Laptops geführt haben. Sie erzählt noch die Flucht der Freunde und stößt dadurch eine neue Tür auf.

Das Buch befand sich in der Abteilung „Kinder und Jugendliche“ im Regal „Ab 12“

 

 

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