Erwachsenwerden

Didi Drobna: Als die Kirche den Fluss überquerte, Piper Verlag 2018 ISBN 978-3-492-05920-6

Die Autorin wurde 1988 in Bratislava geboren, lebt seit 1991 in Wien. „Als die Kirche den Fluss überquerte“ erschien am 1. August und ist ihr zweiter Roman.

Didi Drobna: Als die Kirche den Fluss überquerte

Der Ich-Erzähler der Geschichte ist Daniel, ein junger Mann. Zu Beginn des Romans ist er am Anfang seiner 20-er am Ende der 90-er Jahre. Wie jeder junge Mann in seiner Umgebung, will er so aussehen, wie Brad Pitt in dem „Fight Club“, um den Mädchen zu gefallen. Zeitlich und kausal schwingt er beim Erzählen hin und her, wir sehen ihn mal in seiner Kindheit, mal beim letzten Familienurlaub, mal bei seinem Praktikum im Kunstwerkstatt von seiner Großcousine Miriam.

Die Erzählung ist trotzdem nicht chaotisch, sondern plausibel. Die vielen Szenen und Anekdoten aus dem Leben Daniels Familie sind mit einander assoziativ verbunden, und bilden ein lockeres filmisches Gewebe. Sie sind mal komisch, mal traurig, manchmal obszön, sogar brutal, doch immer sehr detailreich. Und es gibt noch etwas, was sie spannend färbt: Die Szenen beginnen meistens mit einer typischen oder stereotypen Situation, dann füllen sie sich mit Leben, zum Schluss wird die jetzt flimmernde Situation ganz anders verlassen, als man denken würde.

Wie etwa beim Abend mit Onkel Billy im Nightclub. Onkel Billy trägt einen Kaschmirpullover und nichts darunter, außerdem hat er Dreitagebart. Er bestellt Getränke im Vorbeigehen, fängt den Blick eines Barkeepers ein, hält zwei Finger hoch und nickt dazu – unauffällig und eloquent. Aus der Hosentasche holt er ein silbernes Zigarettenetui hervor. Dann kommen die Getränke an und später die Mädchen… Man könnte sich vorstellen, wie die Story weitergeht, aber sie wird anders, sie bleibt frisch und interessant.

Der Ausgangspunkt des Erzählens ist die Trennung Daniels Eltern. Hier scheint etwas und alles sich verändert zu haben. Hier scheint ihm, dem Erzähler, die Normalität zu enden und hier scheint ihm seine Gefühlsexplosion zu beginnen. Er geht mit selbst zunächst sehr hart um, sehr distanziert und selbst ablehnend. Auch seine Familie scheint dabei emotionell ablehnend, obwohl materiell sehr unterstützend aufzutreten.

Zum Beispiel nach der Besprechung der Trennung, die zum Aufteilen des Vermögens der Familie, und eigentlich zum Aufteilen der Familie wird, scheint es für die Eltern und die freizügigen, ihre Unabhängigkeit genießenden Verwandten (Onkel Billy und Großcousine Miriam) angebracht zu sein, im Rahmen einer Gartenparty mit zwei jungen Künstlerpraktikanten zusammen, zu trinken, Anekdoten zu erzählen. Und was Daniel und seine Schwester betrifft, mit diesen fremden Menschen zu flirten (und schlafen). Was nicht angebracht erscheint, ist Daniels Wut, Ärger und Liebe für seine Schwester.

Erst einmal ist deshalb Daniel lächerlich, so wie er handelt: aus Wut und Empörung. Er ist peinlich, sogar (auf den ersten Blick) pervers. Doch durch die Entwicklung der Erzählung ändert sich alles. Was sich am Anfang als abnormal erwies, entpuppt sich als harmlos und gesund. Dies versteht der Leser Schritt für Schritt. Doch es werden gleichzeitig mehr und mehr tragische Züge der Geschichte sichtbar, und der Leser empfindet Daniel und seiner Familie gegenüber mehr und mehr Mitleid.

Die Geschichten, die erzählt werden, sind emblematisch, deshalb regen sie zum Nachdenken an. Das zeigt schon der Titel.

Im Fernsehen lief eine Dokumentation über eine Kirche. „Die Erde wurde zu einem Kind, welches Gedichte kennt. So hat es einmal ein Lyriker gesagt, den wir in der Schule durchgekommen hatten. Ich wusste genau, was er meinte.“ Die Kirche im Fernsehen wurde ausgebaggert und ausgehoben, dann an einen anderen Ort, 12 Kilometer weit transportiert. Zwei Flüsse mussten überwunden werden. (…)

Mutters Hand lag schwer auf meiner Brust, auf meinem pochenden Herzen. Ich betrachtete sie. Das Gesicht auf dem großen Kissen wirkte klein und einfach. Wo war ihre Schönheit, wo war ihre Stärke? Ich griff nach ihrer Hand, drückte sie sanft. (…) Ich drückte Mutters Hand und schlief ein. Am nächsten Tag bestätigte mir der genetische Test, was ich bereits in der Nacht gefühlt und verstanden hatte: Mutter war die Kirche, ich nur der Fluss.“ S. 224-225

Der Roman zeigt nicht, wie man auf den ersten Blick denken würde, die Funktionsunfähigkeit des Familienlebens, feiert nicht die Unabhängigkeit, die freizügigen Beziehungen. Er zeigt nicht einfach auf, wie viel Leiden eine Trennung auslöst. Sondern erzählt ehrlich über Brutalität und Obszönität von manchen menschlichen Handlungen und Beziehungen. Und erzählt auch, und das wirkt beim Erwachsenwerden überraschend, wie große Herausforderung des Lebens die Liebe ist.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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