Rom der Träume

Christian Schnalke: Römisches Fieber Piper Verlag 2018 ISBN 978-3-492-05906-0

„Ja, ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen“ (Goethe, Zitat aus dem Motto des Romans).

Rom war in einer von Goethe geprägten kulturellen Ära das Ziel der Träume, der Wünsche, der Sehnsüchte vieler Deutschen Dichter und Künstler. In die ewige Stadt bringt der Roman den Protagonisten, Franz Wercker und uns Leser hin. Zwar ist Franz eine fiktionale Figur, doch er bewegt sich in jenem römischen Milieu der Goethe-Zeit, das sich aus historischen Orten, Persönlichkeiten und Fakten aufbaut. Der Roman „Römisches Fieber“ ist eine literarische Zeitreise, so transportiert er die Leser trotz Fakten in eine Traumwelt. Die Hauptfigur in dieses Milieu zu setzen, bringt gleich am Anfang des Romans die Identitätsproblematik der Autorenschaft zum Ausdruck.

roemischesfieber

Franz steckt sich nämlich in die Haut eines anderen Menschen, er gibt sich für einen Dichter, Cornelius Lohwaldt aus, um Rom erreichen zu können. Eben dieser Identitätswechsel hilft ihm sein eigenes Ich, sein literarisches Ich zu finden. Er braucht eine Identität, eine Maske, um sprechen zu können. Somit ist er eine emblematische Autorenfigur. Der Auftakt des Buches geht um diese schmerzhafte, von Selbstzweifeln geplagte Umwandlung.

Als ich den Roman zu lesen begann, empfand ich seine Sprache etwas wuchtig, bei den ersten Dialogen sogar museal. Das war vermutlich nur meine Erwartung. Immerhin spiegeln die anfänglichen Dialogen die Anredeformen der Ära. Später schien mir die Sprache zwar weiterhin der Thematik angepasst, doch lockerer, aktueller zu sein.

Vielleicht ist es mehr, als meine subjektive Empfindung, und die Sprache des Romans folgt doch der Geschichte. Denn, nachdem Franz, als Cornelius Lohwaldt, in Rom ankommt, fängt gedanklich etwas neues an. In Rom tauchen wir zunächst in eine träumerische, ideale, doch lebendige Welt ein. Franz‘s gruselige Vergangenheit und die soziale Umwelt, aus der er stammt, wird gegen seine Menschlichkeit ausgewechselt. In Rom wird er zu einem Menschen (wie Goethe, siehe Motto). Er besteht und ernährt sich aus Worten, Büchern und römischen Ruinen.

Die fröhliche Gesellschaft aus Dichtern, Künstlern und Kunstfreunden nimmt ihn herzlich an. Ihr freundschaftliches Miteinander erscheint als ein kultureller Garten Eden. Diese Menschen leben, dank ihrer Stipendien, für die Kunst und die Poesie, einander akzeptierend, mit Offenheit, Begeisterung und Hingabe.

„Die meisten hatten ein Jahr. Es schien gerade dieses schicksalhafte Ende sein, das die römische Zeit gleichsam verdichtete und mit einer glimmenden Hitze erfüllte. Das römische Jahr war ein Fieber, das die Sinne schärfte und zugleich die Einbildungskraft märchenhaft übersteigerte.“ S. 91

Der Salon von Caroline von Humboldt in Rom ist ein Ort für offene Gespräche, lebhafte Diskussionen und tiefgründigsten Austausch:

„Und so nahm die Unterhaltung einen Verlauf, in dem allerlei Pläne und Ideen entstanden, die zumeist nur für die Dauer des Gesprächs lebten, aber doch bei Franz – und offenbar allen anderen – eine innere Bewegung und eine schöpferische Anspannung zur Folge hatten.“ S.109

Franz‘ Geschichte in Rom stellt eine ideale Gesellschaft dar, in der ein Mensch nur durch seine Menschlichkeit, seine Taten, seine Worte gemessen wird, und in der die sozialen, finanziellen Umstände nebensächlich sind. Dieser Teil der Erzählung, die erste Hälfte der römischen Geschichte, schildert die Klassik. Die spannende Frage ist, die ich nicht aufklären möchte, was für ein Mensch wird aus Franz, der seine wahre Identität verbirgt.

Doch die zweite Hälfte der römischen Geschichte reißt uns aus dieser idealen Welt. Eifersucht, Lüge, Intrige, Rache, Argwohn kommen zum Wort. Die Idylle wird zu einem Abenteuer, der mit einer Geschichte in der Geschichte anfängt: Mit der Erzählung des Protagonisten, Franz. Sein neues Werk, das er als Cornelius Lohwaldt schreibt, heißt „Römisches Fieber“. Es ist romantisch, leidenschaftlich, traurig, mythisch, mysteriös. So auch diese romantische Hälfte unserer Geschichte. Es geht zunehmend um Leben und Tod. Und um platonische Liebe. Mich haben die vielen Wendungen immer wieder überrascht.

Der Roman, darüber hinaus, dass er das römische Milieu der Goethe-Zeit eingehend wiedergibt, ist fantasievoll, träumerisch, manchmal märchenhaft, manchmal abenteuerlich, doch zeigt auch die zerstörerischen Kräfte des Menschenseins. Er ist in einer beeindruckenden Sprache geschrieben. Mir haben die Charakterbeschreibungen, die kleinen zwischenmenschlichen Situationen besonders gut gefallen, die mit feinem Humor unsere zeitlosen menschlichen Konflikte aufzeigen. 

„Caroline war so freundlich, Isolde ihre privaten Zimmer zu zeigen, die zwei Stockwerke höher lagen. Nachdem sie schon schwer daran zu schlucken gehabt hatte, dass Caroline im Wohnraum der Butis empfing, der der Familie zugleich als Waschküche diente, wurde ihre Geduld hier oben erneut auf die Probe gestellt: Die berühmte Frau lebte in einfachsten Verhältnissen. Sie lebte billig! Drei Zimmer, die sie mit den Töchtern teilte, die alten Ziegelböden ausgetreten, die Wände nur weiß gekalkt, keine Vorhänge, die wenigen Möbel in einem traurigen Zustand. »Nein, wie wohnlich!«, begeisterte sich Isolde. »Und mit einfachsten Mitteln so einladend!«“ S. 221

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Leseprobe und Informationen über den Autor auf der Internetseite des Verlags.

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