Affinität

Christine Mangan: Nacht über Tanger, Random House Audio 2018, aus dem Amerikanischen von Irene Eisenhut. Hörbuch, 8 CDs, Laufzeit: ca. 9h 54 Min, Originalverlag: Blessing HC, ISBN: 978-3-8371-4312-6

Christine Mangan (1982) lebt in Brooklyn, New York. „Nacht über Tanger“ ist ihr erster Roman. Dieser stellt eine besondere Freundschaft dar und auch den Beginn einer Änderung in der gesellschaftlichen Frauenrolle, die aufkeimende Emanzipation in den 50-ern, mit ihren Hindernissen. Zudem Tanger, die für die westlichen Menschen unbekannte, exotische Stadt, die sich auch im Zustand der Veränderung befindet.

Zwischen Prolog und Epilog sprechen abwechselnd zwei Ich-Erzählerinnen, Alice und Lucy, eine nach der anderen. Sie erzählen nicht direkt eine Geschichte, sondern sie erzählen ihre Gedanken und Gefühlen, und dadurch auch Ereignisse sowohl aus der Gegenwart wie auch aus der Vergangenheit. Diese Ereignisse haben Einfluss auf ihre Gefühle und Gedanken. Alice und Lucy analysieren, deuten auch die Worte, die Geste von einander und von den anderen Menschen in ihrer Umwelt. Da Alice ihrem Verstand nicht traut, kann sich selber und uns Lesern auch kein zuverlässiges und ganzes Bild bieten. Lucy ist sich sicher, doch ebenso wenig zuverlässig, wie Alice, denn sie gesteht sehr ehrlich, dass sie oft nicht diejenigen Gefühle zeigt, die sie spürt, und versucht ihr Gegenüber zu täuschen.

Wir haben auf diese Weise Einblicke in eine Geschichte aus zwei Perspektiven, die so tief und gründlich in das Bewusstsein der zwei Protagonisten graben, dass es schon nervt. Alice und Lucy sprechen ständig geheimnisvoll, sie verschweigen – ärgerlicherweise – die wichtigsten Informationen, die um einen allgemeinen Überblick zu schaffen nötig wären, und noch dazu sind sie über die Wirklichkeit unsicher.

tanger.JPG

Die zwei Erzählerinnen drücken ihre Gefühle und Gedanken sehr ehrlich aus, doch als Protagonisten der Geschichte täuschen sie einander, und je mehr wir erfahren, desto besser merken wir, dass sie doppelzüngig sind.

Ich glaube, dies ist ein genialer und spannender Erzählstil, der jedoch, wie gesagt, nervt. Dafür ist der Roman voller Andeutungen, die unerklärlich bleiben, voller Unsicherheiten, die mich zum Nachdenken treiben, sonst hat das Weiterlesen keinen Sinn. Allerdings ist die Geschichte ein Psychothriller, wie von Hitchcock, eben deshalb zum Schluss klar und nachvollziehbar.

Was alles auf eine herausfordernde Weise durcheinander bringt, ist der Erzählstil. Dabei ist es wichtig, die Neugierde der Leser und die Spannung aufrecht zu erhalten. Deshalb erwähne auch ich möglichst wenig aus der Geschichte, bloß einige Konflikte. Alice und Lucy sind zwei einsame Waisenkinder, die einander Freundschaft schenken, doch diese Freundschaft wird zu etwas Besonderem.

Lucy:Affinität. Ich hatte den Begriff in meinem Wörterbuch nachgesehen während meines ersten Jahres am Bennington College – jener außergewöhnlichen kleinen Ansammlung von Gebäuden, die zumindest schien es so, versteckt im Herzen von Vermont lag, in den Green Mountains. Eine spontane oder natürliche Vorliebe oder Zuneigung für etwas zu verspüren. Eine Gemeinsamkeit von Eigenschaften, die eine Beziehung andeuten.“

Nachdem Lucy Alice kennenlernt, stoßt sie auf dieses Wort, das ihr die gegenseitige Sympathie und die sich schnell aufbauende Beziehung erklärt. Eine Beziehung über sinnvolle Erklärung hinaus. Aus ihrer Perspektive ist Alice ein Mädchen, dessen gewohnt ist, beobachtet zu werden, sich präsentieren zu müssen. Ein Mädchen, das sich dezent verhält, und trotzdem auffällt. Es könnte auch ein Idyll sein, doch alles ändert sich allmählich.

Nach einer schrecklichen und traumatischen Nacht kehrt Alice nach London zurück, heiratet einen fremden Mann, dem sie nach Tanger folgt. In der Echtzeit des Romans sind wir in Tanger. Alice kann sich von ihren schlechten Geistern aus der Vergangenheit auch durch die geografische Entfernung nicht befreien. Dann taucht verhängnisvoll auch Lucy in ihrem Leben wieder auf.

Nicht, dass Lucy bedrohlich wirkt. Sie ist eine emanzipierte, unabhängige Frau, die sich ihrer Umwelt, so auch Tanger, vollständig anpassen kann. Sie bietet uns Lesern ein detailliertes, schönes und differenziertes Bild über Tanger. Sie mag in Tanger die Lebendigkeit, die Vergangenheit, die Vielfältigkeit der Stadt, die sich entdecken lässt. Lucy hat Zugänge zu Tanger, Alice keine, sie scheint nur ihre Innenwelt voller Ängste und Schuldgefühl zu haben.

Lucy ist für Alice in Tanger: gleichzeitig vertraut und fremd. Alice würde sie am liebsten anschreien und wegschicken, stattdessen lädt sie sie ein. Lucy sieht Alice in Tanger kritisch, argwöhnisch, neugierig, beobachtend. Doch auch Alice beobachtet Lucy unbarmherzig. Und sie spürt auch ein Begehren, um so zu sein, wie sie ist.

Streit und Ärger in einer Freundschaft, und die kleinen Episoden, die auf Eifersucht, Neid, Begehren deuten, sind doch normal. Das, was so richtig krankhaft erscheint, ist Alice‘s Angst, Hilflosigkeit, Machtlosigkeit, indem sie keinen Ausweg findet und lahm ist. Doch der Leser weiß, dass er diesem Schein nicht trauen darf.

Den Roman als Hörbuch zu hören (lesen), fand ich vorteilhaft, indem die Kapitel des Buches nach den zwei Erzählern von zwei Schauspielerinnen vorgelesen wurden. So konnte ich die zwei Erzählerinnen für mich auseinanderhalten. Denn sie, Alice und Lucy, in der Mitte des Buches, bei der Selbstanalyse einen Zustand der Freundschaft erreichen, dass sie sich selber gleich vorkommen. Und trotz ihrer verschiedenen Persönlichkeiten, erscheinen ihre Erzählungen sprachlich gleich. Beide haben die gleiche analytische, feinfühlige, reiche Sprache. Ihre Hörbuch-Stimmen aber, Bibiana Berglau und Friederike Kempter, drücken ihre psychischen Zustände und ihre Persönlichkeiten ständig aus.

Eine Hörprobe findet ihr hier. Eine Leseprobe und weitere Informationen über den Autor sind auf der Internetseite des Buches bei dem Verlag zu finden. Ich danke dem Verlag für den Zugriff zum Hörbuch.

 

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s