Wie Literatur entsteht

Idra Novey: Wie man aus dieser Welt verschwindet [2016] Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Christ, Piper 2018 ISBN 978-3-492-05919-0

Eine hervorragende brasilianische Schriftstellerin, Beatriz Yagoda, steigt in einen Mandelbaum, um da oben ein gutes Buch genüsslich zu lesen. Dann verschwindet sie. Ihre Übersetzerin aus Pittsburgh, Emma, fliegt nach Rio, um sie zu finden. Im Haus der Schriftstellerin stehen ihr Bücher, Lebensspuren zur Verfügung, außerdem helfen ihr die erwachsenen Kinder von Beatriz, Marcus und Raquel, bei der Ermittlung.

Natürlich kennt Emma ihre Autorin schon längst persönlich, mehr, die beiden sind nahezu vertraute Freundinnen. Emma kennt Beatriz‘ Bücher, ihre Sätze und Worte genau, während Marcus und Raquel nichts von ihrer Mutter gelesen haben, denn es hätte ihnen ausgereicht, mit ihr zu leben. Die Ermittlung führt deshalb sowohl durch ihre literarischen Werke als auch durch die Persönlichkeit und Erinnerungen ihrer Kinder und durch das Milieu von Rio de Janeiro ab den 70-ern. Die Geschichte ist von Anfang an ein höchst spannender, und bei manchen Stellen brutaler und blutiger Krimi. Denn ein Kredithai und die Medien sind der Übersetzerin auf den Fersen. Beatriz schuldet einem obszönen Kredithai Sechshunderttausend Dollar. Die Schuld muss Emma jetzt mithilfe der Übersetzung und der amerikanischen Veröffentlichung von dem neuen, noch nicht vorhandenen Buch der Schriftstellerin zurückzahlen. Auf ironische Weise verschweigt Emma ihrem Erpresser, wie wenig Geld ein neuer Roman von Beatriz in englischer Übersetzung einbringt.

Auch die Medien interessieren sich für das Verschwinden von Beatriz Yagoda, besonders für die neu keimende Beziehung und die erotischen Szenen zwischen Emma und Marcus, freilich auch für neue blutige Episoden der brasilianischen Gegenwartsliteraturszene. Die Geschichte verbindet also den spannungsvollen Krimi mit den Fragen der Gegenwartsliteratur, demnach mit den Erwägungen über Möglichkeiten, Grenzen, Realitätsbezüge der Literatur und der Übersetzung. So bedenkt Emma ihre Berufung als Übersetzerin (ich möchte erwähnen, dass auch Idra Novey selbst eine Übersetzerin ist):

„ Wenn sie nur als Mann in Babylon zur Welt gekommen wäre, wo man Übersetzer gefeiert hatte, weil sie neue Sprache schufen. Oder während der Renaissance, als man im Übersetzen kurzzeitig eine Tätigkeit sah, die so visionär war wie das Schreiben.“(S.105)

Oder das Versprechen der Literatur:

„Sie zückte ihr Notizbuch, um sich mit einer kleinen Fantasie zu stabilisieren, um ganz kurz Erleichterung in einer Scheinwelt zu suchen – in einem Gesuch nach Unsterblichkeit, das sich in aller Literatur verbirgt.“ (S. 125)

Damit Literatur entsteht, zeigt die Geschichte, wirken Autorin und Übersetzerin zusammen. Doch auch der Verleger spielt mit, der die Bedeutung des ersten Manuskripts entdeckt, und das letzte Buch eines Autors vervollständigt. Im Hintergrund zeigt sich allerdings schrecklich die lateinamerikanische Gegenwart.

Idra Novey zeichnet mit ihrem Debütroman ein Porträt über eine fiktive brasilianische Schriftstellerin, die zwar in der Geschichte kaum direkt erscheint (sie ist ja verschwunden), anhand ihrer imaginären Werke, die die Übersetzerin, Emma, zitiert, erzählt, interpretiert; so geschickt, dass diese Schriftstellerin und ihre Werke zu existieren beginnen. Das ist  am schönsten in diesem Roman, der mir noch dazu sehr viel Lesespaß bereitet hat.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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