Vermisste Gefühle

Tor Udall: Das Lied der Vögel [2017] Aus dem Englischen von Edith Hyronimus, btb Verlag 2018 ISBN 978-3-442-71720-0

Jonah verliert seine Frau, Audrey, viel zu früh. Ihm tut ihr Tod weh, die Art und Weise, wie sie ihr Leben verloren hat, und schon auch die Liebe, mit der er sie geliebt hat und noch immer liebt. Er vermisst Audrey und lebt mit ihren Spuren weiter, er hält die Objekte und Orte fest, die ihn an sie erinnern und zugleich ihre Abwesenheit signalisieren. Denn in seinen Gedanken ist er immer noch mit ihr.

Jonah findet, dass es in jeder Stadt ein Fundbüro geben sollte, wo man nie abgeschickte Liebesbriefe oder verlorenen Glauben abholen kann, ein Tresor für vergängliche Gefühle…

„Nichts davon würde vergessen werden: verpasste Gelegenheiten, verlegte Freunde, das Lächeln einer Ehefrau.“ (S. 58.)

Das ist schön, auch wenn ich denke, man muss einiges vergessen können. Die Schmerzen. Das heile, habe ich bisher gedacht. Dieser Roman zeigt mir aber, dass nicht das Vergessen, sondern eben die Erinnerungen und das Nichtvergessen heilen.

„Das Lied der Vögel“ beschäftigt sich mit der Trauer, es hebt das Weiterleben der vermissten, verlorenen Menschen in unseren Gedanken hervor. Auch das Weiterleben solcher Menschen, wie Virginia Woolf und David Bowie. Allerdings geht es nicht nur um Menschen und ihre Worte und Lieder, die uns glücklich oder melancholisch stimmen, sondern auch um alles, was wir erlebt haben, auch darum, was schmerzhaft ist, auch darum, was wir geplant und gewünscht, was und wen wir geliebt haben, aber nicht erhalten konnten. Ja, es geht um (verlorene) Gefühle. Es geht um das (wieder) Gefundenwerden.

Ein poetischer Roman. Er spielt am meisten im Kew Gardens in der Nähe von London. Kew Gardens erscheint, sowohl intertextuell als auch in der Erzählung, als ein Emblem, folglich als ein wundervoller Ort, wo Menschen, Natur und Erinnerungen mit einander verbunden sind, also wo winzige Lebewesen, Vögel und Baumblätter (siehe schönes Buchcover) den Menschen Trost bieten, in derjenigen Lebensphase, als ihm andere (lebenden) Menschen viel zu glücklich vorkommen, um ihn verstehen zu können. Das Motto des Buches lautet:

„Denkt man nicht immer an die Vergangenheit in einem Garten, wo Menschen unter den Bäumen liegen? Sind nicht sie unsere Vergangenheit, alles, was davon bleibt, diese Menschen, diese Geister unter den Bäumen… unser Glück, unsere Wirklichkeit?“ „Kew Gardens“ Virginia Woolf

Die melancholische Verbundenheit zwischen Natur und Trauer, mehr: dies Schweben (in Gedanken) zwischen Tod und Leben erinnert an Virginia Wolf, und auch an„Die Stunden“ von Michael Cunningham. David Bowie ist ein stetiger Bezugspunkt des Romans, die Protagonisten mögen seine Musik, und viele Kapitels fangen mit einem Zitat von ihm an.

„Diese Geister“. Man sollte nicht überrascht sein, dass es in diesem Buch spukt. Es spukt jedoch literarisch. Ein Buch besteht ja aus Papier und Buchstaben, gleich, ob die Geschichten realistisch oder gespenstisch klingen. Mein Lieblingsszene im Buch ist, als Jonah im Kew Gardens Chloe, die junge Künstlerin kennenlernt. Chloe scheint auch ihre Schmerzen im Garten heilen zu wollen. Sie faltet Vögel aus Papier.

„Origami hat ihr gezeigt, dass nichts in Stein gemeißelt ist. Ein Vogel kann in ein Schiff gefaltet werden, in einen Fisch, in einen Kimono, oder in jede andere extravagante Vision. (…) Auch Geschichten können zu anderen Formen entfaltet werden. Es kommt darauf an, wer sie erzählt. Die Wahrheit ist vielseitig“ (S. 152)

Eine Leseprobe findet ihr hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

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