Natur!

100 Gedichte, ausgewählt und mit einem Essay von John Burnside, Penguin Verlag 2018 Originalausgabe, exklusiv in deutscher Sprache mit fünfzig Erstübersetzungen und Erstveröffentlichungen aus aller Welt.

Ein neuer Lyrikband im Thema Natur ist anziehend. Besonders, wenn er auch viele Gedichte aus der zeitgenössischen Literatur enthaltet. Denn diese sind das Novum: Sie bringen neue Perspektiven ein, nähern sich dem Thema anders und reflektieren unser Zeitalter. Die Anthologie Natur! bewältigt diese Herausforderung hervorragend.

In diesem Band sind unvermeidbare Klassiker und mögliche Neuentdeckungen, Erstübersetzungen und Erstveröffentlichungen, aus verschiedenen Sprachen und Regionen der Welt und aus den verschiedensten Jahrhunderten, zwar nicht ausgewogen repräsentiert, doch zusammen. Die aus dem Englischen übersetzten Gedichte aus dem letzten Jahrhundert dominieren, mit vielen deutschen Gedichten ergänzt. Diese Sammlung ist eben eine deutsche Originalausgabe.

Besonders interessant macht den Band Natur!, dass er doch eine persönliche Auswahl präsentiert, nämlich von John Burnside, dem schottischen Schriftsteller (1955). Burnside veröffentlicht Lyrik und Prosa, die Anthologie wird von seinem Essay eingeführt. Hier erläutert er seinen Leitfaden, den Gedanken, der die Sammlung hervorgerufen hat.

Schon das Ausrufezeichen im Titel zeigt, und man kann diesen Aspekt beim Lesen der Gedichte feststellen: Es geht nicht nur, oder in erster Linie nicht um das Erstaunen über die Schönheit der Natur. Sondern alle andere Bedeutungsebenen treten hervor, wie zum Beispiel die Zerstörung der Umwelt; die Wildnis in uns, Menschen; die Symbolik durch die Zeitlichkeit und Periodizität der Natur. Burnside beschreibt eigentlich poetisch aber hier einmal auch ganz faktisch die Umweltproblematik:

„weltweit 7,5 Milliarden Konsumenten oder potenzielle Konsumenten (UN-Zahlen, Stand August 2017); die geschmolzene Eisdecke der Arktis wird von NASA »inzwischen normal« genannt; geschätzte Artenverluste pro Stunde: drei – und keinerlei Anzeichen dafür, dass die Überwiegende Zahl der Regierungen ernsthaft darum bemüht ist, eine dieser Entwicklungen umzukehren.“ S. 24

Mit dieser Anthologie hebt Burnside nicht nur die Natur-Thematik hervor, sondern das, was er als gute Lyrik bezeichnet. Die beste (Natur)lyrik soll uns „an das Herzschlag im Innern der Erde, an das, was viele das Lied der Erde nannten“ erinnern, und uns dadurch mit ihrem Thema erschrecken und erstaunen.

Mich berühren am meisten seine Worte, die ausdrücken, dass das tatsächlich die klassische Aufgabe oder die Essenz (oder die Natur!) der Lyrik ist, überdies sehr persönlich und sehr bedeutungsvoll,

„weil wir bereits einen so großen Teil unser eigenen wilden Natur verloren haben.“ S.25

Was ist überhaupt Natur? All das Wissen, die Fakten und Theorien, die wir von ihr haben? Oder sollte die Poesie die Natur zur Sprache bringen? Ein Gedicht eroberte heute mein Herz, ich zitiere ein Paar Zeilen aus ihm:

„Früher glaubte ich, die Welt spräche

in Chiffren. Ich lag wach

und versuchte, das Blinken der Straßenlaterne zu deuten –

verhüllt, enthüllt,

verhüllt vom windgezeugten Baum.

Mit dir am höchsten Punkt des Riesenrads gestrandet,

lernte ich die Physik

des Verlangens – fixiert im Zentrum,

kreist es und kommt nicht voran.“

Nick Lantz (1980, Kalifornien) stellt in dem Gedicht „Antike Theorien“ wunderschön rege und bildhaft dar, wie man bei der Wahrnehmung alles in ein Zeichensystem einordnet, um Wissen über die Welt sammeln zu können. Und dieses Wissen ist doch nicht zuverlässiger, als die vibrierenden Lichtreflexionen sind. Der Dichter verbindet Begehren, Wahrnehmung und Welt in einem Bild, und sie gehören natürlich zusammen.

„In den Anden verschwindet ein See über Nacht, durch

Spalten ins Erdreich gesogen.

Wie kann ich das Sonnenlicht

erklären, das in der Morgenfrühe dein Antlitz tüpfelt?

Warum nicht glauben, dass das Auge sein eigenes Licht wirft,

dass Sehen die Welt

erhellt?“

(Ü: Hans-Christian Oeser) S. 147

Jeden Tag, seit dem ich die Anthologie lese, finde ich Gedichte, die ich Euch zitieren könnte. Und Ihr würdet sicher von anderen, die Ihr auswählt, noch mehr begeistert sein. Das macht aber eine gute Gedichtsammlung aus.

Ich danke für das Rezensionsexemplar dem Penguin Verlag.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hallo Veronika,
    herzlichen Dank für Deinen erfrischenden Buchtipp.
    Liebe Wochenendgrüße vom Paul 😉

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    1. Veronika sagt:

      Lieben Dank, Paul, schönes Wochenende!

      Gefällt 1 Person

      1. Das wünsche ich Dir auch! Und bleib weiterhin gesund. Liebe Grüße vom Paul 😊

        Gefällt 1 Person

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