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Soundcheck. Geschichten für Musikfans von Lily Brett, Haruki Murakami, George Watsky, Benedict Wells, Sven Regener, T.C. Boyle, Grégoire Hervier u. v. a. Diogenes Verlag 2019 ISBN 9783257244663

„Soundcheck“ ist ein Mixtape aus Erzählungen. Über Musikerlebnis erzählen Autoren so verschieden, auch Geschmäcker sind unterschiedlich. Musik kann das Leben verzaubern, Musik spendet Trost, Musik bietet Hoffnung und Musik ist Begeisterung, Leidenschaft…

Nick Hornby erwähnt ganz lustig, dass er aktuelle Popsongs, die ihm gefallen, immer wieder hören möchte. Er denkt dann nicht unbedingt darüber nach, ob diese Lieder die Welt weiterbringen oder nicht. Er denkt einfach, dass Popmusik einen berechtigten Teil unseres Lebens bildet. Der Song, der zu diesem Gedanken führt, ist „I‘m like a bird“ von Nelly Furtado aus 2009. Popmusik ist daher wie der Wunsch nach einer gemeinsamen Welt:

„ich saß neulich im Wartezimmer eines Arztes, und vier kleine karibische Mädchen, die geduldig darauf warteten, dass ihre Mutter aus dem Sprechzimmer kam, stimmten urplötzlich Nelly Furtados Lied an. Sie kannten den Text in- und auswendig, beherrschten ein Paar Tanzschritte und sangen mit großer Lust und Ausgelassenheit. Ich fand es schön, dass wir für einen Moment etwas gemeinsames hatten, ich hatte das Gefühl, als lebten wir alle in einer gemeinsamen Welt, und das kommt nicht oft vor.“

Nick Hornby: „I‘m like a bird“ – Nelly Furtado S. 69

Im Hintergrund eine Lieblingsschallplatte von mir.

Julio Cortázar beschreibt ein Konzert von Thelonious Monk. Nur ein kleiner Ausschnitt hier. So holt der Schriftsteller Schwung um noch lange bildhaft und bunt in Musik zu schwelgen:

„Dann ist es Pannonica oder Blue Monk, drei Schatten wie Ähren umgeben den Bär, der die Bienenkörbe der Tasten untersucht, wobei die gutmütigen, plumpen Tatzen zwischen aufgestörten Bienen und Klangwaben herumtappen, es ist kaum eine Minute vergangen, und schon sind wir in der Nacht außerhalb der Zeit, in der ursprünglichen, köstlichen Nacht von Thelonious Monk.

Aber das kann man nicht erklären: A rose is a rose is a rose. Man befindet sich in einem Intervall der Ruhe, es gibt einen Fürsprecher, in irgendeiner Sphäre erlösen sie uns vielleicht.“

Thelonious Monks Reise ums Klavier. Konzert des Quartetts von Thelonious Monk in Genf, März 1966 S. 207

T. C. Boyle stellt uns vor, wie schwierig es ist, in dem Himmel aufgenommen zu werden, wenn man Hardrock spielt. Vor dem Hardrock-Himmel stehen nämlich die Kandidaten in Schlange. Im Mariachi-Himmel wird dagegen zum Beispiel auf den Straßen getanzt. Man kann wohl bei der wunderbaren Stilvielfalt im falschen Himmel landen. Interessanterweise stellt sich auch bei Murakami die Frage, was für eine Musik im Himmel gespielt wird. Diese Musik kann schwere Türen der Erinnerung aufschließen, doch auch ein Lächeln hinterlassen:

„»Ja«, sagte M. »Im Himmel spielen sie ganz bestimmt Hintergrundmusik von Percy Faith. Könntest du mir noch etwas den Rücken streicheln?«
»Natürlich«, sagte ich.
»Du bist sehr gut im Rückenstreicheln.«
Henry Mancini und ich tauschten unbemerkt einen Blick. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.“
Haruki Murakami: Von Männern, die keine Frauen haben S. 204.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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