Philosophieren im Garten

Frühling: Du sitzt im Garten, die Vögel zwitschern, wunderbare Düfte schweben in der Luft.

Die Goldregen sind schon verblüht, die Kamelien und die Magnolien zeigen sich eben in ihrer ganzen Pracht, aber die Tulpen fangen erst an, ihre farbige Welt zu entfalten. Du sitzt im Garten und liest oder schreibst deine Gedanken auf ein Blatt Papier.

im Hintergrund: Kamelien

Ein Garten ist die ideale Umgebung für Schwelgen in Worten. Doch Gärten sind auch Inspiration. Das Buch „Warum Jane Austen ohne Flieder nicht leben konnte“ umkreist dies Thema. Mein Interesse wurde gleich von dem Cover und dem Titel aufgeweckt. Schon weil ich selbst ein Jane-Austen-Fan bin. Und mir gefallen ihre Romane nicht nur, weil sie so liebevoll ironisch, ihre Heldinnen charmant und witzig sind und ihre Liebesgeschichten und ihre wahren Menschenkenntnisse mich begeistern.

Ich bin völlig mit dem Autor des Buches einverstanden:

„Zu dieser Strahlkraft von Stolz und Vorurteil tragen nicht zuletzt die zentralen Szenen bei, die sorgfältig inszeniert und der Geschichte ihre dramatischen Wendepunkte verleihen (…)“ S. 34.

Ja, meine Lieblingsszenen spielen meist in verschiedenen Parks und Gärten, und ich liebe auch die Naturbeschreibungen von Jane Austen. Damon Young liest Jane Austen, Marcel Proust, George Orwell, Emily Dickinson, Jean-Paul Sartre und viele andere beliebte oder einflussreiche Autoren unter dem Aspekt der Gartenliebe. Dafür gräbt er ein wenig tiefer in ihre Biographie, er fragt nach ihren Lesegewohnheiten: was bedeutet der Garten in ihren Schriften, und überhaupt für ihr Denken. Dies „Philosophy in the garden“ (Originaltitel) fängt bei Aristoteles an, dessen Schule, dem Lykeion, einem Ort für Sport, Bewegung, Politik und Philosophie, jedoch greift Young bis auf Sokrates zurück und behauptet: Jeder Garten steht für eine Verbindung von Menschen und Natur.

„Er ist eingefasste Natur, die vom Menschen verwandelt wird.“ S. 12.

Noch ein Beispiel. Ich lese von Nietzsche sehr gern, er ist auch meiner Meinung nach der einflussreichste Philosoph der 20 Jahrhundert, doch ich wusste nicht, dass auch er viel Zeit mit Sinnieren in Gärten, Parks oder Wäldern verbrachte. Für Nietzsche bedeutet das Wort Natur nicht nur die Umwelt, sondern auch unsere innerliche, moralische Natur, und seine Philosophie beschäftigt sich nach Young mit der Frage, wie der Mensch sich gestaltet.

„Das ist Nietzsches Hauptargument: Wir sind ein work in progress, so wie Sorrents Zitronen und Bäume das waren – nur wir selbst können uns vorsätzlich gestalten.“ S. 111.

Für mich ist ein Garten Beruhigung, Inspiration, Glück, aber dies Buch öffnet uns die Augen auch zu unangenehmen Gefühlen, die Gärten provozieren können. Bei Sartre löste zum Beispiel ein Kastanienbaum Ekel aus.

„Denn mit all ihren bekannten Themen – Ordnung und Chaos, Wachstum und Verfall, Stillstand und Bewegung – verweisen Gärten auf Konflikte: auf die gedankliche Zerrissenheit in jeder Zivilisation und jedem zivilisierten Geist.“ S. 18.

Damon Young vertieft sich zwar in Biografien, Büchern seiner Autoren, und auch in dem philosophischen Kontext, in dem die Werke entstanden sind, doch er schreibt sein Buch in einem federleichten, gut nachvollziehbaren Stil. Er erklärt bildhaft seine Gedanken, und erzählt sehr spannend über seine Lektüre.

Damon Young: Warum Jane Austen ohne Flieder nicht leben konnte. Vom Philosophieren im Garten. Aus dem Englichen von Mechthild Barth. Illustriert von Daniel Keating. Btb Verlag 2018 ISBN 9783442717309

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe findet Ihr hier.

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