„Der Wald ist die erste Zeile“ – Gerhard Falkner: Schorfheide

Gerhard Falkner’s Gedichte des Zyklus „Schorfheide“ erwähnen Worte, gesagte und verschwiegene, als ob sie Gras wären. Sie führen die Leser in die Natur, als ob diese aus Buchstaben, Worten und Sätzen bestünde.

Ich begann „Schorfheide“ mit Vorfreude zu lesen: alles dreht sich in diesem Lyrikband um meine Lieblingsthemen, Wald, Bäume, Gras, Buchstaben, Schriften und Worte.

Dieses Gedicht ist für mich wie eine Einführung in den Schorfheide-Zyklus

Was mir auf den ersten Blick gut gefallen hat, ist der spielerische, humorvolle Umgang mit Wörtern, Reimen, Stimmungen, mit dem Rhythmus, der Melodie, den Intertexten. Ab und zu klingen einige Zeilen als fröhliche Anspielungen auf meine Erwartungen. Aber das Spiel wird auch nur angedeutet, nur ermöglicht.

„Die ersten blutigen Orangen des Morgens

ballen sich hinter den Hügeln im Osten

ich erröte bis über die beiden Worte: ich bin“ S. 64.

Das Spiel glitzert, als die Hoffnung, und wird zum Gedicht. Doch dann wird es ernst, und ordentlich. Eine Ordnung hält es zusammen. Und trotz Anspielungen, die um das Leben gehen, bleibt das lyrische Ich distanziert, ironisch oder einfach weg.

Diese Lyrik kann sich auch bis zu großen offenen Aussagen erheben, wenn es um Poesie geht:

„Es gibt kein göttliches Gesetz, nach dem sich Schönheit

richtet, und keinen Richter, der den Zweifel schlichtet

fest steht allein die Kälte des unmenschlichen Raums und die Erhabenheit

des Traums, alles weitere ist erdichtet oder vernichtet

Das Schöne schöpft sich aus der Kraft, es zu behaupten“ S. 83.

Es geht dabei ständig um Poesie, um Worte, um Schriften, auch wenn das große Thema die Umwelt ist. Gedichte en plein air: raus ins Freie. Wald, Licht, Himmel (was ist ja Himmel? Eine Abstraktion für Weltraum und Atmosphäre aus der menschlichen, bodenständigen Perspektive) und Gras, selbst Schorfheide, der idyllischer aber realer und konkreter Ort, von dem der Zyklus benannt wird, wandeln sich ins zwei Dimensionale um: in Papier und Buchstaben. Aber auch ins Vielfältige: Schrift und Worte, Reime und Rhythmus. Und umgekehrt. Die Worte formen eine abstrakte Umwelt mit den Bildern vom Erlebten. Es ist eine permanent reflektierte Umwandlung, und durch die Reflexion gewinnt diese Poesie Gestalt.

„Das Gras ist ein System wie die Sprache

ein jeder Halm spricht mit, erst dann wird es

Text und folgt im Tanze dem hohen Ton

mit seinem Glanzen.“ S. 19.

„So wandern und wandern und wandern wir immer weiterhin

immer tiefer ins Ungestaltete der Sprache am See

Als wir das andere Ufer erreichen, gelangen uns endlich

Schritte durch einen fußnotenfreien Raum“ S. 27.

Schorfheide, der Zyklus feiert aber nicht die im Freien geborene Schönheit, denn er nimmt auch zerstörerische und unmenschliche Kräfte wahr („Die Erde wird sich vom Menschen nicht wieder erholen“), und er ist ironisch, weil alles nur Worte, Worte, Worte sind.

Gerhard Falkner (1951, Schwabach) veröffentlicht seit Mitte der 1970er Jahre Gedichte und Prosa, in den 80-rern erscheinen seine ersten Gedichtbände, seit den 90-ern widmet er sich essayistischen, prosaischen und dramatischen Arbeiten. Nach seinen Romanen („Apollokalypse“ 2016 und „Romeo oder Julia“ 2017), erscheint 2019 sein neuer Lyrikband: „Schorfheide“.

Die Schorfheide ist Teil des UNESCO-geschützten Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin und das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Gerhard Falkner: Schorfheide, Gedichte en plein air, Berlin Verlag, ISBN 978-3-8270-1368-2

Notizen schreiben beim Lesen en plein air

Lyrik. Lesen. Bei einem Gedicht, bei einem Wort stehen bleiben, inne halten, etwas vom Gedanken spüren. Dann umblättern, weiterlesen. Später zurückkehren.

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