Die Atmosphäre in der berühmten Richi Valley Schule in Süd-Indien

Mit seinem Dokumentarfilm SchoolScapes aus dem Jahr 2007 setzt MacDougall seine filmischen anthropologischen Beobachtungen über kulturell musterte sinnliche Erfahrungen, über Ritualen der schulischen Alltage fort, die er mit der Filmserie Doon School Chronicles angefangen hat. Im Film SchoolScapes stellt MacDougall eine Schule in Süd-Indien vor, die Richi Valley Secondary School. Anders als in der Serie Doon School Chronicles, wobei die Leistungsfächer und der Sport (Bodengymnastik, Kricket) im Mittelpunkt sind, und die Gemeinschaft sich im Zeichen der christlichen Andacht versammelt, bekommen in der Rishi Valley School der Buddhismus (Meditation, Yoga) und traditionelle Musik und traditioneller Tanz größere Rolle. In beiden Schulen erscheinen wohl traditionelle und europäische Elemente, doch die Atmosphäre in der berühmten Schule in Süd-Indien (Richi Valley) kommt für die europäischen Augen außergewöhnlich: besonders ruhig, ausgeglichen vor. Die Methodik der Schule begründet sich auf die Theorie des Philosophen Jiddu Krishnamurti. Kein Leistungszwang, kein Stress.

Wir sehen nicht, wie der Lehrer mit der Klasse umgeht: ob in Frontalunterricht oder in Gruppenarbeit. Stattdessen richtet sich die Kamera auf einige Details. Wie zum Beispiel ein Schüler – wahrscheinlich und man nimmt es aus den Geräuschen aus – während des Unterrichts in seinem Lehrbuch blättert. Oder ist das ein anderes Buch? Hört der Schüler dem Lehrer zu oder beschäftigt er sich mit dem Buch? Oder aber ist er verträumt? Solche Nuancen sind für den Regisseur viel wichtiger, als den Lehrer zu zeigen, seine Rede hörbar zu machen. Wir sehen im Film die Schüler im Kontakt mit einander: Wie sie eine Hausaufgabe gemeinsam zu machen versuchen, und dabei scheitern, wie sie einzeln oder zusammen Bücher lesen oder ihre Musik hören. Wir sehen ihre Tätigkeiten außer Unterricht, die Umgebung: den Hügel, die Steine, die Bäume. Wir sehen Hände, Augen, Füße, Schuhe. All diese Nuancen und Details werden langatmig durch die Kamera beobachtet, seh- und hörbar gemacht.

Obwohl der Film die Schülerperspektive bevorzugt, auch Erwachsene tauchen auf, die verschiedene Berufe um die Schule herum ausüben. In der Küche kann man nachvollziehen, wie Naanbrot in großer Menge zubereitet wird. Diese Szenen werden nicht in einem Atemzug gezeigt, sondern zwischen anderen Szenen verteilt. Hier und da, wie eine Ablenkung: Der Zuschauer macht eine kleine Pause in der Küche. Bei der ersten Sichtung bemerkte ich nicht, ob die Mitarbeiter Frauen oder Männer sind, ich merkte nicht, wie viele sie gemeinsam an der Reihenfolge der Manufaktur teilnehmen. Überhaupt ob sie mit Gesichter erscheinen. Ich betrachtete die Hände, die Tücher, die Geräte, eigentlich das Naanbrot. Nur bei den folgenden Sichtungen sah ich nach, ob sie auch gefilmt geworden sind. Und doch, sie sind da, sie lächeln, sie konzentrieren sich, und scheinen sich wohl zu fühlen.

Wenn die Kamera lange auf einer Schüler ruht, dann zeigt sie Gewohnheiten, wie zum Beispiel ein Schüler morgens erwacht. Es ist wahrscheinlich seine Kuriosität, dass er länger schläft als die anderen, und sich im Halbschlaf anzieht, und noch lange verträumt vor sich hin schaut, bevor es ihm möglich wäre, mit der alltäglichen Routine anzufangen. Oder zeigt die Kamera Gesichter: einen aufmerksamen Blick, eine ruhige und ausgeglichene Miene, der Ausdruck der Freude oder der Enttäuschung. Sie zeigt Bewegungen: Tanzen, Gehen, Sitzen. Die Bewegungen sind vielleicht typisch und eigentümlich, nicht nur für eine Person, sondern für eine Gemeinschaft. Das Sprechen und was gesprochen wird, erscheint im Film nur in wenigen Szenen. Es ist doch nicht ganz still, wir hören immer Geräusche, das Rauschen, wie der Wind weht und das Laub der Bäume zerzaust. Wir hören Musik, traditionelle indische Musik, traditionellen Gesang beim Musikunterricht. Europäische Musik bei einer Aufführung, während wir die Musikanten kaum sehen können, aber nach der Farbe und dem Muster ihrer Kleider, scheinen sie junge indische Frauen zu sein.

In der Mitte des Films ist eine besonders schöne Szene zu sehen, ab 43:45 Minuten. Wasser strömt vor einem Gebäude durch das Gelände. Jemand wischt den Boden, aber er ist kaum sichtbar. Das Wasser plätschert, Vögel zwitschern laut, Bäume rauschen leise. Im Hintergrund steht eine Kuh neben einem großen Baum, jenseits des Zauns verlaufen grüne Flächen. Dort, außerhalb des Geländes der Schule, hinter dem Zaun ziehen zwei Menschen, die auf ihren Köpfen etwas tragen, langsam durch.

schoolscapes

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s