Das Wunder

„Jetzt kann uns nur noch ein Wunder helfen.“ – sagte die Frau zu ihrer Freundin. Sie saßen auf der Straßenbahn mir gegenüber und unterhielten sich leise, während ich mich in mein Buch zu vertiefen versuchte. Als sie das Wort „Wunder“ aussprach, dachte ich an das Wunder der Geburt.

Man brauche gewiss Träume, denke ich mir, um die Welt, um die Gegebenheiten zu verändern, um sich selbst verwirklichen zu können. Doch komischerweise kann das Leben so vergehen, dass man von Möglichkeiten und Chancen träumt, aber das Leben zu faul und zu einfallslos lebt. Wenn das aber nicht der Fall ist, wenn man seine Lebenszeit wirklich seinen Träumen entsprechend verbringt, ob leidenschaftlich oder aber solide, extravagant oder schlicht, verrückt oder normal, bleibt doch seine Kraft begrenzt. Vielleicht will die Umwelt nicht mitmachen. Und es fehlt noch etwas, nämlich ein Wunder.

Es gibt auch Wunder, auf die man schmerzhaft wartet. Und das erinnert mich an die Geburt. Für eine werdende Mutter, die ein Kind auf die Welt bringt, ist der Schmerz geheimnisvoll, sie denkt nicht gern an ihn. Sie tut so, als ob es nur die Geburt gäbe, sie versucht vergeblich den Schmerz vorzubeugen, auszuschalten, dann zu überleben, zuletzt zu vergessen. Wenn die Geburt etwas voraussetzt, das ist nicht der Schmerz, sondern die Hingebung der werdenden Mutter. Und noch mehr. Auch ein kleines Wunder. Der Schmerz und die Tränen sind keineswegs Bedingungen.

leander

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s