Auch die Sätze verlassen uns

Ich las ein Gespräch mit einem Autorenehepaar. Sie behaupteten, wenn ihre Kinder groß werden und weggehen, verbleiben ihnen lediglich die Sätze, die sie geschrieben haben. Somit die Muttersprache. Im Laufe der Zeit verlasse und verliere man wichtige Menschen und wertvolle Sachen, und man werde immer von allen verlassen. Das ist ihr Grunderlebnis. Wie wahr. Mir schien nur die Vorstellung komisch zu sein, dass einem nur die Sätze verblieben, da man Autor ist. Es gibt keine Garantie, dass diese Sätze immer gelesen werden. Und hier und jetzt kann man mit der Muttersprache ganz ruhig sitzen bleiben, wenn diese von einer kleinen Gemeinschaft gesprochen wird, und niemand sonst auf der Welt diese Sprache und deshalb diese Sätze so nachvollziehen kann, wie die Muttersprachler, sondern alle in den Sätzen in erster Linie ihre eigene Sprache und ihre Kultur lesen. Gewiss schützt und pflegt man seine Muttersprache je kleiner, desto mehr. Gewiss will man von der Muttersprache nicht verlassen werden. Doch die Sätze fliegen, meiner Meinung nach, ebenso aus, wie die Kinder. Sie werden manchmal zum Beispiel ungültig und pathetisch.

Emile V. Schlesser: Soap Opera, Kunstakademie Rundgang 2018

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