Unsichtbare Ausstellung

Ich war mit meiner Tochter in einer unsichtbaren Ausstellung. Wir erwarteten eine Ausstellung, die man nicht sieht, und erlebten beinahe, wie es sich anfühlt, blind zu sein. Natürlich ist eine Ausstellung nur eine sehr verschonte Version von einem Leben mit Behinderung. Wir wurden nicht ganz auf uns verlassen. Durch die vollständig lichtlosen Räume der Ausstellung wurde unsere kleine Besuchergruppe von einer blinden Mitarbeiterin geführt. Wir sahen sie ebenso nicht, wie sie uns.

Da die Räume klein waren, und wir nichts sahen, mussten wir immer auch auf einander achten. Wir gerieten in Alltagssituationen: in eine eingerichtete Wohnung mit Küche und Schlafzimmer, in einen Gemüseladen, auf eine Straße, wo Autos und Fahrräder parkten. Zum Glück mussten wir nicht über die Straße gehen. Selbst die sicheren Wände zu verlassen und aus einer Ecke hinaus zwei Schritte in die Mitte eines Zimmers zu wagen schien es schwierig zu sein. Nicht nur die Wände wurden unsere Bezugspunkten, sondern die Stimmen und die Hände. Aus den wildfremden Menschen zeichneten sich erkennbare Stimmen, unsichtbare Gesten und viele verschiedene Eigenschaften aus, überdies Wärme, Offenheit, Freundlichkeit, mit denen wir noch kein Gesicht und kein Alter verbinden konnten. Ich „betrachtete“ meine Tochter ruhig, sie verhielt sich reif und selbstständig. Die Führerin erzählte uns, dass sie Familie und Kinder hat, und zwar ihr Mann auch blind ist, sie meistern ihr Leben. Einzig allein werden sie nie malen können, sonst fast alles. Sie erzählte auch, dass manche Menschen ihre Verantwortlichkeit in Frage stellen.

Auch deshalb sind ähnliche Ausstellungen so wichtig: nicht nur ihre „Sichtweise“ zu erleben, sondern auch unsere Hindernisse, oder Stärke. Das Wort, das meine Tochter mit der Brailleschrift aufschrieb, war: Danke. Ich kann das Glück nicht leugnen, aus dem Ausstellungsraum herauskommend das Licht zu erblicken.

Draußen begrüßt man nochmal die Mitmenschen, jetzt erkennt man sie von Gesichtern. Dann springt man aus dem Weg des Menschen, der sich gerade mit einem langen weißen Stock vor sich tastend eilt, fast rennt – vermutlich zu seinem Arbeitsplatz. Diese Ausstellung arbeitet später noch lange in einem.

Wir nahmen an der Ausstellung „Invisible Exhibition“ (invisible exhibition) teil, die in drei Städten zu „sehen“ ist, doch es gibt die Möglichkeit eine ähnliche Ausstellung, „The Dialogue in the Dark“ (dialogue in the dark) in Frankfurt, in Hamburg, in Wien, insgesamt in 21 Länder der Welt zu besuchen.

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Braille Grußkarte

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