Komische Schule

Heinrich Spoerl: Die Feuerzangenbowle, Piper Taschenbuch, 2011

Die Zentralfigur des heiteren Romans, ein berühmter junger (fiktiver) Schriftsteller, Hans Pfeiffer, gerät unter bestimmten, mit der Wirkung der Feuerzangenbowle zusammenhängenden Umständen in die Schulbank.

Er hat nun Muße, seinen dicht vor ihm stehenden Lehrherrn aus der Froschperspektive des sitzenden Schülers näher zu inspizieren. Ganz dicht vor seiner Nase wölbt sich ein graziöser Spitzbauch, von einer blütenweißen Pikeeweste überzogen, und garniert mit kompliziert geschlungenen goldenen Uhrkette. Weiter oben kommt die taubengraue, kunstvoll gebauschte Krawatte mit einer offensichtlich echten Perle, und im Anschluss daran ein gepflegtes rosiges Gesicht, das sich vergeblich bemüht, seine Gutmütigkeit hinter einem steilen Spitzbart und einem hochgewölbten Zwicker zu verbergen.“ (S.16.)

Spoerl∗ ist ein Meister der filigranen, humorvollen Beschreibungen. Er bezaubert uns Leser mit seinem Wortschatz, mit seiner dichten, in verschiedenen Registern ertönenden Sprache: er lässt Dialekte, Idiolekte gelten, er stellt Räume, Gegenstände unterhaltsam, anschaulich dar, und Personen mitsamt Tücken und Macken. Auch der Stoff einer Mütze, die Form eines Mundes erzählt über die zugehörige Person. Denn die Menschen stehen in dem Mittelpunkt der kritischen (gleichzeitig respektvollen) Beobachtung. Über Respekt lässt sich jedoch diskutieren, sie stammt aus der zeitlich entfernten Perspektive des Erzählens und nicht aus der Sicht des jeweiligen Schülers. Sowohl Professor als auch Schüler sind nur fehlbare Menschen. Der oben beschriebene Professor ist der Deutschlehrer.

„»Pfeiffer, Sä send en allen Fächern genögend oder got, nur em Deutschen stähen Sä mangelhaft. Sä haben einen unmöglichen Stil. Was wollen Sie eigentlich mal werden?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Sochen Sä sich einen Berof, bei dem Sä wenig zu schreiben haben. Am besten werden Sä Zahnarzt.« (S.41.)

feuerzangenbowle

Der Direktor:

Außerdienstlich führte er ein vorbildliches Familienleben und besaß eine beachtliche Hühnerzucht. Dienstlich aber hatte er eine kleine Schrulle. Diese Schrulle bestand in einer kleinen Mappe, die er stets und ständig unter dem Arm trug. Die ältesten Schüler konnten sich nicht entsinnen, ihn jemals ohne diese blaue Mappe gesehen zu haben. Wahrscheinlich nahm er sie auch mit ins Bett. Aber das war leider nicht festzustellen. Diese Mappe schien das Symbol seiner Macht und Inbegriff seiner Tätigkeit.“ (S.24.)

Spoerl lässt doch einfach alles miterleben. In diesem Roman kommt alles vor, was in dem normalen Schulleben, auch eine Liebesgeschichte, doch in einer rosaroten Beleuchtung: die Stimmung wird nie durch Dramas verjagt, alle Problemen lösen sich selbstverständlich. Und trotz Heiterkeit und Humor zeigt Spoerl nebenbei Menschenkenntnisse und realistische Weltanschauung auf. Er reflektiert auch seine Gegenwart, die 30er Jahre.

Junge Frauen spazierten, ihren Kinderwagen schiebend, durch die Sonne. Andere standen hinter den Gardinen. An vielen Fenstern befand sich ein Spion.“ „Übrigens der einzelne tut dir ja auch nichts. Aber immer da, wo sich Massen bilden, wo der Mensch zur Menge wird, regen sich tiefe Instinkte.“

Das Happy-End ist traurig:

„Wahr an der Geschichte ist lediglich der Anfang: die Feuerzangenbowle. Wahr sind die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.“

Diese Geschichte geht doch ebenso um die Wahrheit: sie ist ein Lob an das geistige Besitztum, welches „einen aus dem Dreck des Alltags heraushebt.“ Heinrich Spoerl wurde 1887 in Düsseldorf geboren, „Die Feuerzangenbowle“ erschien erstmals 1933 beim Droste Verlag. Das Buch war sein erster Erfolg als Schriftsteller. Der Roman wurde mehrmals verfilmt, die bekannteste Filmfassung ist von 1944 mit Heinz Rühmann.

∗Hier möchte ich erwähnen, dass Spoerl`s alleinige Autorenschaft sich bestreiten lässt. Er soll „Die Feuerzangenbowle“ aufgrund der Idee von Hans Reimann geschrieben haben, oder vielleicht nur als Lektor des Romans mitgearbeitet haben taz archiv.

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