Liu Xiaodong: Langsame Heimkehr

Retrospektive Doppelausstellung von Kunsthalle Düsseldorf und NRW-Forum vom 9. Juni bis 19. August 2018. In dem Bericht konzentriere ich mich auf die Ausstellung in der Kunsthalle, die einen Überblick über Lius Malerei bietet.

Ein Plakat überzeugte mich schon vorher, dass der Künstler zu alles fähig ist, was mit Farben und Leinwand zu tun hat. Ich sah auf Fotos verschiedene Gruppeneinstellungen vor den von ihnen gemalten Bildern. Ich ahnte, dass er realistisch malt. In der Tat erzählen seine Bilder aber eher Erfahrungen, Geschichten über das Leben und über die Menschen auf unterschiedlichen Orten der Welt, als bloß die pure Realität festzuhalten. Sie erzählen mithilfe greller Farben, Kontraste, Landschaften oder Gegenstände im Hintergrund jenseits der Realität.

Beim Besuch im Museum beeindruckten mich zunächst seine frühen Gemälde aus dem Heimatort, Beijing, China. Unmittelbar ragen die Körper in dieser visuellen Welt heraus. Nackte Körper erscheinen lebhaft und rein, mit alltäglichen Gegenständen umgeben und mit einander verbunden. Sie gehören Menschen, denke ich, die sich der Natürlichkeit ihres Körpers bewusst sind. Diejenigen, die nicht nackt sind, drücken sich auch durch ihr Outfit aus. Die Umgebung: Gegenstände, Objekte, Klamotten, Zimmer sind schreiend und distanzlos, doch gehören einfach mit bewusster Selbstverständlichkeit zu den Menschen. Im Hintergrund leuchten oft verschiedene entzückende gelbe Farben: sind sie Kurkuma, Curry, Safran? Doch das Grau hat auch viele Töne.

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Traffic Accident, 2002 © Liu Xiaodong, Kunsthalle Düsseldorf

Sehr beeindruckend sind auch die Gemälde, die Liu Xiaodong während seiner Reisen in und außer China gemalt hat. Er thematisiert globale Themen wie Bevölkerungsverlagerung, Umweltkrisen und wirtschaftliche Umwälzung. „Under the cherry blossomszeigt zum Beispiel eine Japanische Veranstaltung, bei der Sushi auf dem menschlichen Körper als Platte serviert wird. Das Bild spielt auf „Die Anatomie des Dr. Tulp“ von Rembrandt van Rijn (1632) an, deshalb zeigt die Ausstellung hierfür auch Xiaodong‘s Notizbuch-Beiträge und Skizze. Ich kann wieder eine gellende Zufriedenheit vom Gesicht der Figuren ablesen, wobei die symbolischen Kirschblüten das Schwarz vom „Anatomie des Dr. Tulp“ kontrastieren.

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Under the cherry blossoms, 2007 © Liu Xiaodong, Kunsthalle Düsseldorf

Die Ausstellung zeigt auch Bilder aus den letzten Jahren, wieder in Beijing. Ganz unerwartete Zusammenstellung von Farben: Gelbs, Malven, Blaus, Graus, die lebhaft und blühend erscheinen. Vielleicht ist es auch nicht übertrieben zu sagen, dass Liu Xiaodong malt Klamotten, wie Degas, Gestalten, wie Courbet. Die Gemälde strahlen natürliche und gellende Schönheit aus. Nicht nur dadurch, was sie erzählen, sondern auch durch die manchmal unwahrscheinlichen Farben und die ungehobelten Pinselstriche, die aus der Realität rohe Natürlichkeit und blühende Leichtigkeit zaubern. Und durch die kraftvollen Kompositionen, die den Blick des Zuschauers kaum loslassen.

Ich illustriere meinen Bericht mit Fotos von Bildern, die in der Wahrheit, wenn man im Museum vor ihnen steht, zum Weinen atemberaubend sind.

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Your city 1, 2017 Oil on Canvas 220 x 260cm © Liu Xiaodong

Die „Langsame Heimkehr“ ist eine gemeinsame Ausstellung von Kunsthalle Düsseldorf und NRW-Forum. Sie widmet dem chinesischen Ausnahmekünstler die weltweit erste umfassende Retrospektive. In der Kunsthalle werden Arbeiten aus den Jahren 1983 bis 2018, rund 60 Gemälde, Bildskizzen, Fotografien, übermalte Fotografien gezeigt.

Filmvorführung „The Days“, 1993
Regie: Wang Xiaoshuai
Termine: 4.6. und 18.6.2018, jeweils 19 Uhr
Black Box, Schulstraße 4, 40213 Düsseldorf

 

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