Prinzipien

Martin Suter: Der letzte Weynfeldt. Diogenes Verlag, 2008. Umschlagillustration: Félix Vallotton: „Femme nue devant une salamandre“ 1900.

Der Roman ist mir wichtig. Wahrscheinlich wegen der Kunst-Thematik. Aber auch, weil er eine anspruchsvolle Unterhaltungslektüre ist, die einen nie bedrückt, sondern in schlechten Zeiten sogar erheitern kann. Und bestimmt auch wegen seines Protagonisten, des letzten Weynfeldt. „Der letzte Mohikaner“, 1826: Roman von James Fenimore Cooper. Der letzte Kaiser“, 1987: ein historischer Film von Bernardo Bertolucci. „Die letzten Jedi“, 2017: die achte Episode der Star Wars Filmreihe. Protagonisten, die für alte, versinkende und vergehende Werte/ Kulturen stehen, wie auch die Dame aus dem Roman von Böll: „Gruppenbild mit Dame“.

Weynfeldt vertritt das Großbürgertum, er stammt aus einer alten schweizerischen Familie und ist mit Geld vollständig ausgestattet. Er steht aber auch für die mit dem traditionellen Bürgertum geerbte gute Erziehung, für Höflichkeit, die noch keine Scheinheiligkeit ist. „Noch“ – denn der Roman stellt eben die Gegenwart im Wandel dar, als diese traditionellen Werte archaisch scheinen. „Du bist so überkorrekt.“ – sagt ihm Lorena, die weibliche Hauptfigur des Romans. „Nicht bei einem Betrug mitmachen ist doch nicht überkorrekt.“ – antwortet er.

suter

Weynfeldt hat zwar verschiedene Freundeskreise, doch wem kann er sich vertrauen? Allmählich wird erzählt, wie ihn seine Freunde ausnutzen, oder sogar betrügen, oder aber hassen.

„Du weißt gar nicht, was für eine Befreiung es ist, dir nicht mehr ständig dankbar sein zu müssen.“ [sagt ihm der Kunstmaler Freund.] „Ich wusste nicht, dass du das so empfindest. Verzeih.“ „Verzeih, verzeih. Hör endlich auf mit deiner verdammten Höflichkeit. Auch das ist nur eine Form deiner unerträglichen Überheblichkeit.“ (S.116-117)

Ich erzähle nicht sehr detailliert die Story des Buches, ihr kennt sie bestimmt, „Der letzte Weynfeldt“ ist ein Bestseller, er ist verfilmt worden (2010 Regie: Alain Gsponer, Hauptrollen: Stefan Kurt, Marie Bäumer). Auf jeden Fall geht es um mehr, als das Großbürgertum. Im Mittelpunkt steht das Vallotton‘s Bild „La Salamandre“.

La Salamandre“ war zwar Tausende Male reproduziert und als Poster verkauft worden, aber das Original war seit seiner Entstehung in Privatbesitz gewesen. Es war auch ein privates Bild. Nicht alle Kunst war für die Allgemeinheit bestimmt. Etwas in Weynfeldt sträubte sich dagegen, die Intimität der Szene zu zerstören, indem er sie der Öffentlichkeit preisgab.

Er wusste, dass das Unsinn war. Aber weshalb sollte er das Bild nicht noch ein paar Tage ganz für sich allein haben?“ (S.89)

Alles dreht sich um dieses Bild. Viele interessieren sich für es, und niemand versucht eine ästhetische Erklärung zu geben, warum. Die materiellen Gründe: Geld, Libido, Fingerabdrücke, sind doch klar. Es geht nicht um die Ästhetik, es geht um die Originalität. Sowohl ist „La Salamandre“ ein Original, als auch gilt Weynfeldt für seine Freunde als „das exotische Original, dem man sich vertrauen“ kann.

Doch das Bild wird im Auftrag eines alten Freundes gefälscht, von einem jungen Freund, dem Kunstmaler. Es gibt keinen Unterschied, es gibt kein echtes und falsches mehr, behauptet der Auftraggeber. Der Roman wird zu einem spannenden Krimi. Durch „La Salamandre“ zwingen seine Freunde auch Weynfeldt auf ein gefährliches Spielfeld, wo ihm seine Erziehung kaum welchen Spielraum erlaubt. Sein Dilemma ist, wie er nach den Spielregeln seiner Umwelt den Betrügen steuern kann, ohne seine Prinzipien zu verletzen.

Ich muss immer lachen, wenn ich an seine Lösung denke, weil der Roman fast bis zu letzten Minuten Beweise vorführt, dass seine Prinzipien, die Gutmütigkeit, das Wohlwollen lächerlich und unvernünftig sind. Und weil er der letzte Weynfeldt ist, deshalb für Prinzipien steht, vermittelt der Roman schlussendlich, dass es doch immer eine vernünftige Lösung gibt. Freundschaften und Menschen sind zu retten. Natürlich auf eine nüchterne Weise, wo die finanziellen Mittel eine große Rolle spielen.

Suter ist ein Meister der Dialogen, „Der letzte Weynfeldt“ ist spannend, der Leser kann sich in hocheleganten Restaurants umsehen, Designerklamotten bewundern, teure Speisen schmecken lassen. Die Liebeshandlung und Lorena werden, meiner Meinung nach, viel zu sehr aus der männlichen Perspektive dargestellt, was aber der Perspektive des Kunstwerks „La Salamandre“ entspricht. Mitfühlen kann ich jedenfalls nicht immer. Doch ich mag die knappen Beschreibungen, wie zum Beispiel:

„Über Mittag ging er am See spazieren, wo es aussah wie in Woodstock ohne Regen.“ (S. 142)

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