Jedes einzelne ein Fußabdruck

Wakayama Bokusui: In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter, Manesse Verlag, 2018

Der Lyrikband beinhaltet mehr als 250 Tanka von dem Dichter Wakayama Bokusui. Ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein. Das Nachwort bietet dem Leser eine leicht fassliche, doch eingehende Einführung in den literarischen und biografischen Kontext.

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Das Tanka (Waka) ist die älteste traditionelle japanische Gedichtform. Die in Europa bekanntere Form, das Haiku entwickelte sich aus ihm. Waka bedeutet japanisches Gedicht. Die Form ist reimlos, besteht aus 31 Moren (Sprechtakten), gegliedert in Verseinheiten von 5-7-5-7-7 Moren. Die Form bildet traditionell eine musikalische, ästhetische Einheit, deren Bestandteil ist auch das feine Papier und die Kalligrafie. Das Buch „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ vermittelt dies Gefühl vom feinen Papier, es ist zudem mit Bokusui´s Kalligrafien illustriert.

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Wakayama Bokusui (1885-1928) schuff sein lyrisches Werk von den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts an. Zu dieser Zeit erlebte die japanische Gesellschaft, so auch die Literatur eine Modernisierungswelle, indem das Individuum, das moderne Ich in den Vordergrund trat. Seine erste Sammlung veröffentlichte der Dichter 1908, noch auf eigene Kosten. Manche Tanka reflektieren eben die Entstehung und Bedeutung seiner Lyrik:

„Mit Wehmut denke ich
zurück an meine Gedichte
Jedes einzelne
ein Fußabdruck    den ich
auf dieser Erde hinterlasse“
Januar 1909

„Wenn mein Herz
sich aufheitert     entstehen Gedichte?
Oder ist’s umgekehrt:
Je länger ich dichte
desto heiterer des Herz?“
Frühling 1919

Tanka werden ursprünglich in einer Zeile ohne Satzzeichen geschrieben, im Deutschen erscheinen sie in fünf Versen. Beim Lesen fällt auf, dass eine Linie manchmal von einer Lücke unterbrochen wird. Diese kennzeichnet ein Innehalten. Die Tanka sollten wahrscheinlich nicht Schritt für Schritt, Zeile für Zeile gedeutet werden, sondern jedes Einzelstück im Ganzen.

Wakayama Bokusui stellte insgesamt 15 Tanka Bände zusammen. Die Tanka folgen im Buch „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ nach Entstehungszeit aufeinander, mit Angaben zu dem originalen Band, woher sie stammen, um die zweisprachige Lektüre zu ermöglichen, und eventuell mit einem Hinweis auf die Situation.

„Weiße Schwäne seid ihr nicht traurig
so zu schweben
ungefärbt vom Blau des Himmels
vom Blau des Meeres“
1907

Der Dichter drückt immer wieder seine Bewunderung für die Landschaft, die Berge, die Vögel, die Blumen aus. Er erfasst die Schönheit des Augenblicks, wobei das sinnliche Bild  symbolisch oder assoziativ Gedanken und Gefühle hervorruft. Andernfalls formuliert er geschliffene Aphorismen:

„Von ganzem Herzen
etwas neu beginnen
heißt
für einen kurzen Augenblick
in reinster Freude leben“
Sommer 1917

Tanka halten den Augenblick fest – in der konzentrierten, reduzierten Form einer Aussage. Sie äußern zwar ein persönliches Erlebnis, doch so universell, dass dies der jeweilige Leser miterleben, mitfühlen und nachvollziehen kann. Bokusui bringt auch die Worte der Liebe vor. Seine Lebensgeschichte berichtet über eine große Liebe der jungen Jahre, welche vermutlich seine ganze Liebeslyrik prägt.

„Mitten im Hein eines alten Tempels
in einem Häuschen
wohnte ich – wartete
Abend für Abend auf dich“
Sommer 1908

Sehr einfühlsame und schöne Sätze. Die Übersetzung transportiert die Musikalität der Tanka: Der Rhythmus der Laute, Silben, ob er Reim oder Stabreim bildet, tritt zart hervor. Ich las mir die Gedichte laut vor, um ihren sprachlichen Klang zu hören, und fand ihn melodisch und sanft tönend. Worin liegt das Geheimnis dieser Lyrik? Bokusui′s Tanka sind wie Regentropfen auf Blättern oder Blüten. Sie sind Hunderte und Hunderte, sie spiegeln die Umgebung wider. Lichter und größere Gegenstände sind auch noch zu erkennen, in Regentropfen spiegelt sich allerdings das All mitsamt Wolken. Die Stimmung, die die Tanka ausstrahlen, kann immerwährend bleiben, doch jedes einzelne hat seine eigene Perspektive. Einige sind wie Kristallkugeln, andere sind Perlen.

Wakayama Bokusui: In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter, Manesse Verlag, 2018 ISBN 978-3-7175-2452-6

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier gibt es eine Leseprobe. Oder auf der Internetseite des Verlags: Buchseite des Verlages

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