Sommerlektüre

Es entstanden im Laufe der Woche einige kurze Buchempfehlungen zur Fußball WM. Die Länder, deren Mannschaften diese Woche am Ball sind (gewesen sind), haben nämlich auch eine hervorragende Literatur. So hatte ich die Möglichkeit einige von meinen Lieblingslektüren zu besprechen. Einige von ihnen eignen sich vielleicht als Sommerlektüre.

Alan Bennett: Die souveräne Leserin Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Wagenbach Verlag 2008

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Bei diesem Buch mag ich sehr die Selbstverständlichkeit, wie der englische Autor mit der Leseleidenschaft umgeht. Diese sei zwar ein ganz unpraktisches Ding, doch reißt jedermann mit sich fort, ob Königin oder Aushilfe in der Küche von dem Buckingham Palast. Alan Bennett bespricht Bücher, Klassiker und Queere Literatur, während er uns für sie begeistert. Dabei erfahren wir, wie anstrengender zugleich eintöniger Beruf ist es Königin zu sein – wenn man (Ihre Majestät) nicht lesen darf. Politiker, Bürokraten, doch auch Schriftsteller erhalten sarkastische Anspielungen. Die Geschichte ist mit einem ironischen doch freundlichen Ton erzählt. Sie ist kurz, spannend und auch noch der Schluss bereitet uns Überraschungen.

Als großer Klassiker der japanischen Literatur gilt „Die Frau in den Dünen“ von Abe Kobo.

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Ein ahnungsloser Naturliebhaber kann bei seinem Insektensammler-Ausflug nicht vermeiden bei fremden Leuten zu übernachten. Die Unterkunft ist eine tiefe Höhle, eine Mulde im Sand. Als er am nächsten Tag nach Hause gehen möchte, stellt er fest, dass er in der Mulde gefangen worden ist. Mit ambivalenten Gefühlen betrachtet er die hübsche, schweigende Frau, die permanent den rinnenden Sand schaufelt, um ihre Höhle bewohnbar zu machen. Der Fremder versucht sich zu retten, aber je mehr er im Sand nach oben klimmt, desto mehr Sand treibt er nach unten und gräbt sich ein. Er kämpft dann mit der Frau, als wäre sie sein Feind, doch mit der Zeit entdeckt er bitter, was das Überleben in dieser Umwelt bedingt. „Die Frau in den Dünen“ (1962) hat eine starke Atmosphäre, die man nicht mehr vergessen kann. Das Buch erscheint erneut September 2018 beim Unionsverlag, es wurde verfilmt, und es gibt ein Hörspiel von ihm.

Ein anderer Japaner Schriftsteller, Nagai Kafu schrieb etwas früher, am Anfang des 20. Jahrhunderts lesenswerte Erzählungen. Sie sind zwar nicht so beeindruckend, wie „Die Frau in den Dünen„, aber sie schildern malerisch und gefühlvoll das Leben in Edo mit den Geishas und Theatern in dem Moment, als sich Tokio zu entfalten beginnt. Diese Zeit klingt auch im Buch „In der Ferne der Fuji wolkenlos heiter“ an, das mehr als 250 schöne Tanka, japanische Kurzgedichte von Bokusui beinhaltet.

Die schöne Hortensevon Jacques Roubaut ist ein lustiger Kriminalroman und eine leichte Liebesgeschichte zugleich, zudem die Parodie von denen.

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Die Erzählung baut sich aus Banalitäten, als ernsthafte Tatsachen getarnten Mären auf, mit witzigen Bemerkungen, den Erwartungen widersprechenden Wendungen, literarischen Hinweisen gewürzt. Verschiedene Erzähler, aber auch wir Leser sind in die mystische Geschichte eingewoben, und kommen uns ein wenig komisch vor, wie auch die anderen Figuren. Wir sind hier besonders und alles nur nicht alltäglich. Sogar eine Katze, namens Alexander Wladimirovitsch, spielt eine wichtige Rolle, sie beeinflusst und verheimlicht die frevelhaften Ereignisse im Buch, während die schöne Hortense lässt sie über sich ergehen. Im Roman entfaltet sich eine philosophische, moralische, sexuelle Freizügigkeit. Jacques Roubaud schreibt, wie ein poetischer Stand-up-Comedian. Der Franzose kann die winzigsten Details humorvoll beschreiben. „Die schöne Hortense“ erschien 1985, dann folgten noch zwei Bände, der Dritte fehlt noch in meinem Regal. Aus dem Französischen von Eugen Helm, Carl Hanser Verlag, 1989

Mario Benedetti aus Uruguay ist ein sehr bekannter Schriftsteller in Latein-Amerika.

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Die Gnadenfrist“ (1960, Lamuv Verlag, ü: Willi Zurbrüggen, 1984) habe ich von einer Venezolanerin erhalten. „Eine traurige Geschichte, ich weiß, doch von meinem Lieblingsschriftsteller.“ „Die Gnadenfrist“ ist der Tagebuch eines Mannes vor der Rente, dem das Schicksal die wahre Liebe zweimal beschert hat. Jemand, der für sein Leben zur Rechenschaft gezogen wird.

„Ich habe das Gefühl, dass große Energien in mir ruhen, aber ich weiß sie nicht zu nutzen, weiß nicht, was ich mit ihnen tun soll. Ich glaube, du hast dich damit abgefunden, verbittert zu sein, und das finde ich furchtbar, weil ich weiß, dass du nicht verbittert bist.“

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