Emotionen in einem Netz

In der Kunstsammlung NRW K21 in Düsseldorf befindet sich seit dem Frühjahr 2013 die Rauminstallation „in orbit“ von Tomás Saraceno.

In orbit” ist eine künstlerische, architektonische Verwirklichung des Netzmodells, das in der Natur, in der Gesellschaft zu finden ist. Die Besucher konnten die Installation im Zeitraum zwischen 2013 und 2016 betreten und sich auf ihren mehrdimensionalen Oberflächen frei bewegen. Nach einer Zwischenphase für Wartungsarbeiten wurde die Installation 2017 für die Besucher neu eröffnet. Ich besuchte die Installation am Wochenende wieder, und machte neue Bilder.

Ich nutze jetzt auch die Möglichkeit, das Kunstwerk gründlicher zu beschreiben. Früher habe ich über das Betreten des Netzes als Teilnahme geschrieben: Resonanzen finden.

Die Installation hat nicht die klassische Spinnennetzstruktur mit einem Zentrum und davon strahlig divergierenden Fäden, sondern sie ist ein Gewebe, das eine Gitternetzstruktur aufweist und das mehrmals gefaltet ist, so erstreckt sich nicht nur flach sondern durch Falten und Überlappen dreidimensional. Die Netzschichten werden von denSphären“ also den Plastikkugeln auseinander gehalten, indem die riesigen Kugeln zwischen den aufeinander gefalteten Netzschichten sitzen. Drei von ihnen sind durchsichtig, die Vierte hat eine spiegelnde Oberfläche, die den Innenraum des Gebäudes widerspiegelt: das schlichte moderne Atrium mit Öffnungen zur Außenwelt und zu weiteren Innenräumen, und seine Besucher.

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Das Gebäude der Kunstsammlung K21

Die geräumige Piazza besitzt innen moderne schlichte weiße Fassaden mit Öffnungen zu den Etagen. Oben ist die Kuppel transparent, ihre vielen kleinen Glasscheiben werden durch Stahlgitter gehalten, weshalb auch die Kuppel wie ein festes unbewegliches Netz, ein architektonisches Gewebe aussieht. Mit anderen Worten verdoppelt sich die Netzstruktur, das flexible Netz der Installation wiederholt sich im festen Netz der Kuppel. Aus verschiedenen Positionen im Gebäude, oder im Netz, erhält der Betrachter neue Sichtweisen zur Installation. Die Wahrnehmung, auch wenn man die Schwingung des Netzes nicht erlebt, nur auf dem festen Boden bleibt, wird von dem Zusammenspiel der Installation und des Gebäudes beeinflusst.

Von unten aus dem Erdgeschoss gesehen bilden die zwei Netzstrukturen (die feste und die flexible) ein Muster, zu denen der Himmel (jetzt sonnig, andermal mit Wolken) einen malerischen Hintergrund bildet. Die Menschen erscheinen als Insekten oder Spinnen im Netz  – wegen der Entfernung.

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In höheren Sphären schweben

Die Installation trägt den Namen „in orbit”. Dieser Begriff bezeichnet grundsätzlich die ellipsenförmige Bewegung der Planeten, Kometen oder Asteroiden. Während Planeten herum kreisen, haben Kometen eine exzentrische Laufbahn. Dadurch weist der Name in orbitdarauf hin, dass die Installation weniger als ein konstanter Gegenstand zu verstehen ist, sondern als ein bewegter Gegenstand. Die Bälle im Netz könnten an Planeten erinnern, doch sie heißen „Sphären“. Das Wort ist auf das lateinische Wort „sphaera“ und auf das griechische Wort „sphaĩra“ zurückzuführen, die Himmelskugel bedeuten. Die Sphäre bedeutet in der heutigen Sprache die Umgebung, die Umwelt, das Milieu, was uns im Leben umgibt. Deshalb bringen die Bälle in der Installation nicht ausschließlich die Planeten zum Ausdruck, sondern auch die ökologische oder soziale Umgebung, die uns umgibt. Die Betonung der kompletten Installation liegt dabei auf der Positionierung. Wir stehen nicht ausschließlich auf ihr oder sind ausschließlicher Betrachter aus der Ferne, sondern in ihr selber. Die Installation stellt durch diese Benennungen weniger die Planeten und das Weltall dar, sondern das in Bewegung sein im Weltall.

Das Wort in orbit” wird in der englischen Sprache auf der bildlichen Ebene für „ecstatic“, ekstatisch, verzückt, euphorisch, berauscht benutzt. Diese Bedeutung lässt sich mit der deutschen Redewendung „in höheren Sphären schweben“ passend ergänzen. Auch im Englischen finden wir einen ähnlichen Ausdruck: „float on air“, eine euphorische Emotion erleben. Das „in orbit Befinden“, also die Installation zu betreten, könnte man als einen euphorischen, berauschenden Zustand in Worte fassen, den die Installation hervorruft.

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Emotionen bei dem Erleben der Installation

Der „Kunstgenuss“ wird im Netz von Verwöhnungseffekten erweitert: Den Besuchern sind Kissen vorbereitet, man kann sich auf dem Netz hinsetzen, hinlegen, sich beim Liegen nach unten oder nach oben wenden, die möglichen Perspektiven entspannt wahrnehmen. Das Schweben stärkt sogar das Gefühl in einer Wiege zu sein, man kann sich in den Schlaf gewogen fühlen. Oder virtuell zwischen Himmel und Erde schweben oder eventuell fliegen.

Man darf nicht vergessen, dass es hier um ein Netz geht, das aufgrund der Beobachtung von Spinnennetzen entstanden ist. Spinnen rufen bei Menschen häufig Angst hervor, ihre Netze sind für diese Wesen das Instrument des Ergreifens der Beute. Im Spinnennetz sitzenzubleiben drückt aus, Beute und Opfer zu sein. Oder aber einfach gefangen zu sein, wie in einem Fischernetz. Die Netz-Metapher kann deshalb Assoziationen wachrufen, die uns sensitiv machen und uns an unsere Grenze gehen lassen, und uns an sie herantasten lassen.

Die Besucher, besonders diejenigen, die das Netz zum ersten Mal betreten, bewegen sich vorsichtig. Viele von uns suchen ständig einen festen Griff, haben Angst vor der Tiefe oder vor den Spinnen. Doch auch diejenigen, die keine Angst haben, konfrontieren sich mit dem Gefangensein oder mit der Angst der Anderen und erleben dadurch ein erfassbares Gefühl, das Mitgefühl, und fragen sich, wie sie sich zu den Griff Suchenden verhalten sollen. Die meisten Menschen kommen mit Partner oder in einer Gruppe.

Die Paaren und Gruppen bekämpfen ihre Ängste oder Unsicherheit gemeinsam, Hände haltend, einander führend, unterstützend, ermunternd. Eine Situation, in der die Menschen sich noch näher zusammen finden: Wärme, Intimität, Teamgeist oder sogar Harmonie entstehen. Die allein Stehenden bleiben nie ganz fremd. Die Unsicherheit, die tastende Bewegung evoziert ein Angebot zur Hilfe der Anderen. Sich im gleichen Netz zu befinden, ironisch könnte man sagen, zusammen gefangen zu sein, kann gleichsam bedeuten füreinander da zu sein.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Art of Arkis sagt:

    Kabbahla- Magie ist ein Tanz auf dem Seil, yes! Eine intrsnt. Installation, obwohl ich es ja nicht vor Ort erleben kann ;).

    Gefällt 1 Person

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