Nymphe, zarte Freundin, rastlose, fruchtbare Fantasie…

Joaquim Maria Machado de Assis: Das Babylonische Wörterbuch, Erzählungen, Manesse Verlag, 2018, übersetzt von Marianne Gareis und Melanie P. Strasser, Nachwort von Manfred Pfister. ISBN: 9783717524229
Autor

„Hinter Garcia Márquez steht Borges und hinter Borges als Quelle und Ursprung von allem Machado de AssisSalman Rushdie.

Joaquim Maria Machado de Assis (1839-1908), Enkel freigelassener Sklaven, Sohn eines afro-brasilianischen Anstreichers und einer portugiesischen Wäscherin von den Azoren und somit aufgewachsen in bildungsfernen Milieu, brachte es als früh verwaister durch wissbegieriges Selbststudium und das Patronat von Gönnern zu einer erstaunlichen mehrsprachigen Belesenheit, zum erfolgreichen Journalisten und zu literarischem Ruhm in einem Brasilien, in dem noch 1872 über 84 Prozent der Bevölkerung Analphabeten waren und Literatur entsprechend wenig galt…“ Manfred Pfister

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Buch

Der Leser hält ein wunderschön gestaltetes kleines Buch in der Hand. Die Sammlung enthält außergewöhnlich pfiffige, fantasiereiche und zeitlose Erzählungen in einer bilderreichen, verführerischen Sprache, die man nur mit der Sprache der Verliebten vergleichen kann: immer anders schmeichelnd, verschiedene Saiten erklingen lassend. Mit Fantasie und Humor wirft Machado de Assis die großen Fragen der Menschheit auf und formt die Antworten durch intertextuelle Bezüge, Zitate und Anspielungen aus dem Kanon der Weltliteratur von den Antiken über die Bibel bis auf Swift und Poe. Und Das babylonische Wörterbuch ist doch auch eine schöne Auswahl von Erzählungen, die man am liebsten Wort für Wort zitieren oder vorlesen möchte. Stattdessen erlaube ich mir hier einige Lieblingsstücke zu erwähnen.

Die Akademie von Siam

erzählt ein Märchen über einen König, der nicht machtbesessen und tyrannisch genug, sondern viel zu weiblich für die politischen Sitten seines Landes war. Er sah zwar männlich aus, doch:

„Alles an ihm verströmte ausgesuchteste Weiblichkeit: Seine Augen waren liebevoll, die Stimme silberhell, seine Umgangsformen sanft und willfährig, und er hatte einen wahren Abscheu vor Waffen.“

Die siamischen Akademien wollten das Problem mit der folgenden Aussage lösen: Einige Seelen sind weiblich, andere männlich. Diese Lösung entfachte aber eine Debatte zwischen den Akademien, weil nicht alle an die geschlechtliche Seele glaubten. Machado de Assis stellt die Leidenschaften für das Thema des Streites als extrem ungezügelt dar, dabei ist er sehr sarkastisch. Der König in der Erzählung hält den Gedanken der geschlechtlicher Seele ebenso absurd, wie den der geschlechtlosen. Doch aus dieser Perspektive wäre das Märchen nicht zu erzählen. Deshalb geht die Geschichte im Sinn der geschlechtlichen Seele mit dem weiblichen König weiter. Er tauscht Seele für ein halbes Jahr mit seiner Geliebten – auf ihren kühnen Rat, da sie eine männliche Seele besitzt. Diese Metamorphose bring ihm und natürlich dem Leser vieles über Liebe, Wissen, Verstand, Gemeinschaft und Charakter bei, aber ich möchte nichts mehr weiter verraten.

Der türkische Pantoffel

Die Erzählung fängt so heiter an, wie eine moderne Komödie im Theater. Ein belesener junger Mann ist gerade im Begriff auf einen Ball zu gehen, um seine ätherisch schöne Geliebte zu treffen. Doch ein unerwarteter doch respektvoller Bekannter (der Major) besucht ihn in dieser späten Stunde, um ihm sein Drama vorzulesen und ihn für seine Meinung mit rückhaltloser Offenheit zu bitten. Es ist klar, dass die Poesie auf dem Spiel ist. Die literarische Erschaffung wird ironisch und mit vorgespielter Bescheidenheit als eine Krankheit beschrieben:

ich leide schon seit meinen Kindertagen an literarischen Anfällen“. „Doch seit geraumer Zeit ließ der Major die Generäle vom Silberfluss und die Toten in Frieden; nicht hatte darauf hingedeutet, dass dieses Übel wiedergekehrt war, und schon gar nicht in Form eines Dramas.“

Aus der Vorlesung wird eine fantasievolle Traumerzählung, die den jungen Mann in sich hineinzieht. Ihm wird vorgeworfen einen türkischen Pantoffel entwendet zu haben. Der Pantoffel erweist sich als eine Metapher, die für das Herz der geliebten Dame steht. Vor unseren Augen entfaltet sich der Traum wie eine Erzählung, und umgekehrt: Die Erzählung, die Gefühle erklären kann, entfaltet sich, wie ein Traum, der durch den Kopf schwebt, doch nie anders bewusst wird, als Lesespaß.

Nymphe, zarte Freundin, rastlose, fruchtbare Fantasie (…) Hast du mir bewiesen, dass das beste Drama nicht auf der Bühne stattfindet, sondern im Zuschauer selbst.“

Das babylonische Wörterbuch

ist auch eine Parabel über die Poesie. Der Geschichte nach bewirbt sich ein König um die Gunst einer begehrenswerter Dame, die aber einem Dichter zugetan ist. Sie zeigt sich für die Ehe bereit, doch will denjenigen heiraten, der das schönste Madrigal dichten vermag. Da im langen Wettstreit der Dichter siegreich hervorgehen scheint, führt der König immer wieder neue Regeln ein. Erst dürfen die Kandidaten nur alte Wörter verwenden, dann werden alle Wörterbücher weggeworfen und die königlichen Minister erschaffen ein neues Wörterbuch, das babylonische Wörterbuch, in dem kein einziges Wort Ähnlichkeit mit der im Reich gesprochenen Sprache aufweist. Ob in den Sachen der Poesie ein König seine Macht ausüben kann? Als Antwort und Fazit schließen die Zeilen eines portugiesischen Dichters, Garção, die Geschichte:

„Der edle Apelles,

Rubens und Raffael, unnachahmlich

wurden sie nicht der Farbpalette wegen;

die feine Mischung machte sie unsterblich.“

Eine Leseprobe findet ihr hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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