Die Welt als Fließen des Sandes

Kobo Abe: Die Frau in den Dünen, Unionsverlag 2018 [1962] die deutsche Erstausgabe: 1967, aus dem Japanischen von Oscar Benl und Mieko Osaki, mit einem Nachwort von Irmela Hijiya-Kirschnereit ISBN-13: 978-3-293-20809-4

Kobo Abe (1924-1993) war Poet, Dramatiker, Essayist, Theoretiker, der die moderne japanische Literatur stark prägte. Sein Meisterwerk, ein Klassiker der Weltliteratur, „Die Frau in den Dünen“ fängt in einer heiteren Stimmung an. Der Erzähler nimmt eine ironische Distanz zu seinem Protagonisten auf.

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Ein Insektensammler begibt sich auf den Ausflug zu den Sanddünen beim Meer, denn im Sand sind die für ihn interessantesten Insekten. Seine Unterkunft wird eine tiefe Mulde im Sand. In diesem Sandloch schaufelt eine Frau ganz still den rinnenden Sand, damit dieser ihr Haus nicht zerstört. Als der fremde Mann nach Hause gehen möchte, stellt er fest, dass er gefangen worden ist. Er findet das Leben im Sand servil und obszön, doch seine Versuche, von hier zu fliehen, sind vergeblich. Das Überleben in dieser Umwelt bedingt seine Arbeit. Er muss bis zur Erschöpfung den Sand schaufeln.

Der Mann ist offensichtlich in einer aussichtslosen Lage. Es sollte freilich immer einen Fluchtweg geben, der Mensch sollte auf jeden Fall den Ausweg suchen. Es sollte immer einen Grund geben, um nicht aufzugeben, um nochmal zu probieren. Und der Mann gibt es auch nicht auf. Doch jeder Versuch macht ihn aussichtsloser und machtloser. Seine Geschichte ist eine Parabel: Egal, wie sehr der Mensch kämpft, die Zahnräder drehen sich knirschend weiter. Es ist ein Prozess des Sich-Selbst-Aufgebens, Selbstvergessens, der Abrechnung mit den Illusionen. Ein Prozess, in dem man einer Situation der Leere, der Zentrumslosigkeit, der Bodenlosigkeit ins Auge sieht.

So wie es im Sand keinen festen Boden gibt, keinen Punkt, an dem man sich festhalten kann, keinen Bezugspunkt, der bleibt, der fest steht, so besteht keine Möglichkeit, um angewurzelt zu sein, eine Identität und eine Heimat zu beanspruchen. Es ist absurd über die Heimat zu sprechen. Doch im Dorf wird das ganze Verbrechen (Menschen in Löchern gefangen halten und zur Arbeit zwingen) eben im Interesse der Heimat begangen. Die erniedrigende Arbeit und die unwürdige Situation entsteht eben wegen des Zwangs, dass das Dorf als Lebensraum trotz fehlender Lebensbedingungen gerettet werden muss. (Zwangsarbeit war in diesen Jahren keine Fantasie-Geschichte, es gab zur Zeit des Entstehens des Romans Zwangsarbeitslager, zum Beispiel in der Sowjetunion – Solschenizyn: Der Archipel Gulag, im Ostblock, aber vermutlich auch in Japan → wiki: Zwangsarbeit)

Ohne Illusionen lebt man wie ein Tier. Der Protagonist des Romans, der von den Menschen emotionell distanzierte, verfremdende Insektensammler, der 30 Jahre alter Lehrer, der niemanden hat, der ihn suchen würde, niemanden, der ihm wichtig wäre, empfindet das Leben im Sand wie das eines Tieres in einem Käfig, auf Grundinstinkte reduziert. Was soll aus der Liebe unter diesen Umständen sein? Auch darüber denkt der Protagonist sogar über seine Geschichte im Sand hinaus mit bitteren Folgerungen, die aber nirgendwohin führen, nach. Hier wird der Erzählstil höchst metaphorisch, deshalb macht sich diese Passage des Romans auf faszinierende Weise selbstständig. Zum Beispiel:

„Wir sollten lieber unsere Sexualität jeden Morgen frisch aufbügeln wie einen Anzug. Auch wenn wir ihn nur einmal getragen haben, ist er alt. Bügeln wir jedoch seine Falten aus, ist er sofort wieder neu. Allerdings wird er wieder alt…“ S. 131

Der Erzähler der Geschichte distanziert sich zwar von seinem Protagonisten, doch folgt sehr treu seinen Gedanken. Während der Erzähler die Geschichte ironisch und heiter anfängt, hält er die Stimmung später immer mehr düster, um dann das Ende möglichst offen zu lassen. Den Lesern bleiben viele Fragen unbeantwortet.

Die Frau in den Dünen“ ist jedoch ein Roman, der schon auf den ersten Seiten wichtige Informationen offenbart, deren Wichtigkeit man aber nach dem Lesen der ganzen Geschichte erkennt. Vieles, was nach dem ersten Lesen nicht nachvollziehbar sind und Fragen aufwerfen, erhalten am Anfang des Buches eine Erklärung. Der Protagonist, der Insektensammler interessiert sich von Anfang an für den Sand, hat schon viel über ihn gelesen. So erfahren wir Leser durch sein Grübeln viel über die Eigenschaften des Sandes.

Die Unfruchtbarkeit des Sandes rührte also nicht nur, wie gewöhnlich geglaubt wird, von seiner Trockenheit her, sondern offensichtlich auch daher, dass er sich dauernd bewegte, wodurch er zum Feind alles Lebendigen wurde. Was für ein großer Unterschied besteht doch zwischen der Welt des Sandes und der trostlosen Art, in der wir Menschen uns Jahr um Jahr aneinanderklammern.

Gewiss, im Sand gedeiht kein Leben, aber gehört denn das Haften unbedingt zum Leben? Entsteht nicht gerade daraus, dass man unbedingt irgendwo haften will, der Kampf ums Dasein? Verzichte man auf das Haftenwollen und überließe sich der Bewegung des Sandes, dann hätte dieser Kampf augenblicklich ein Ende.“ S. 17

So scheint es dem Erzähler, dass der Mann selbst sich der Bewegung des Sandes überließe:

„Während er über die Auswirkungen des fließenden Sandes nachgrübelte, verfiel er von Zeit zu Zeit der Illusion, dass er selbst in dieses Fließen einbezogen sei.“ S. 17

Wobei schon das Motto des Buches besagt:

„Wo keine Strafe droht, fehlt auch an der Lust zu fliehen.“

So erscheint mir das Buch auch als Warnung, die auf eine bedrohliche Situation hinweist, die wir nicht als bedrohlich wahrnehmen. Und mir erscheint dieses „Aneinaderklammern“ der Menschen als ein wichtiger Hinweis, der zwar ironisch dargestellt ist, doch der einzig menschliche Ausweg ist.

Die Frau in den Dünen“ ist ein Prachtwerk, das in diesem September auf Deutsch wieder erschien. Ein sehr lesenswertes Buch, um nachzudenken, nachzublättern, Passage neu zu lesen.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Auf der Internetseite des übrigens unabhängigen Verlags befinden sich Informationen über den Autor und Links zu einem Hörspielausschnitt und zu einem Filmtrailer.

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