Wellen

#Keyserling100
Eduard von Keyserling: Wellen, 1998, Wilhelm Goldmann Verlag [1911] Mit einem Nachwort von Peter von Matt

Vor 100 Jahren ist Eduard von Keyserling gestorben. Ein Anlass, mehr über seine Werke zu sprechen. Ich fange mit einer Buchbesprechung über seinen Roman Wellen an. Eine junge Gräfin verlässt ihren alten Ehemann, und flüchtet mit einem bürgerlichen Mann, einem Maler. Sie verbringen ihre Sommerzeit, schon verheiratet, an der Ostsee, doch die schöne Gräfin, Doralice ist mit ihrem neuen Leben nicht zufrieden. Sie vermisst die Eleganz und die vornehmen Gewohnheiten ihres alten Lebens, und sie kann an den Werten seines Malers, Freiheit und leidenschaftliche Tätigkeit, nicht mit Herzblut teilhaben.

keyserling1.jpg

Doralice ist fremd in ihren neuen Kreisen, doch auch für die Adeligen kommt sie als Gesellschaft nicht mehr in Betracht. Der Roman stellt diese begehrenswerte und einsame Frau dar, die anders eine tragische Protagonistin als Effi Briest ist, die schon mehr Freiheit in der Liebe erleben darf, doch noch immer unbeholfen einsam und fremd in der Welt ist.

Doch der Roman ist nicht wirklich schwermütig, im Gegenteil, er ist voller Humor. Alle Figuren sind ein wenig lächerlich, auch wenn nicht auf gleicher Art und Weise. Sie machen sich ab und zu über einander lustig. Sie werden allerdings nicht einfach lächerlich dargestellt, sondert zugleich zärtlich und liebevoll. Oft fällt mir die Zärtlichkeit auf, mit der die Figuren mit einander umgehen. Der Baron von Buttlär spottet zwar über seine Frau, aber er tut das ganz zärtlich.

Endlich fragte Frau von Buttlär sorgenvoll: »Ich weiß nicht, woher meine Kinder alle das überspannte Wesen haben.« »Meine Liebe«, versetzte Herr von Buttlär und legte seine Hände zärtlich auf die Hand seiner Gattin, »Aber die Genialität haben sie jedenfalls von dir.« Die Generalin lachte.“ S. 65 (Die Generalin ist die Mutter von Frau von Buttlär.)

Am höchsten Grad sieht die Menschen ironisch und behandelt sie höchst respektvoll der Geheimrat Knospelius.

„»Ihre kleine Köhne«, versetzte die Generalin, »ist soweit ein liebes und nettes Ding. Schade um sie.« »Wieso Schade?«, fragte Knospelius. »Es wird jetzt vielleicht etwas Wertvolleres aus ihr, als der alte Köhne je gemacht hätte.« Aber die Generalin wollte davon nichts wissen. »Ach, liebe Exzellenz, unsere Frauen, wenn die mal so ganz offen aus Reih und Glied treten, dann finden sie auch keinen Halt mehr. Das ist so wie bei dem Kettenstich auf der Nähmaschine; trennen sie einen Stich auf, dann geht die ganze Naht los.« Der Geheimrat lächelte: »Das spricht nicht für den Kettenstich«“ S. 78

Knospelius hat immer eine weise Bemerkung, er hat den Übersicht, er fungiert manchmal, wie ein Sprachrohr trotz der polyperspektivischen Erzählung. Er führt sogar die anderen Figuren nach seinen Idealen oder Theorien zusammen. Er ist der Einzige, der selbst ironisch betrachtet. Allein Doralice erscheint im Roman begehrenswert und tragisch. Doch eben sie wird (scheinbar) zum Schluss trotz dem Überfluss von Bewerbern eben mit Knospelius eine komische Partie machen.

„»(…) Wenn es dann wieder aufwärts geht, können Sie mich stehenlassen, daraus mache ich mir nichts, das bin ich gewohnt. Man hat mich mein ganzes Leben hindurch stehenlassen. Ein netter, interessanter Herr, sagten die Menschen von mir und ließen mich stehen. Aber das ist ganz gleich. Es ist auch ganz gleich, dass das Zusammensein mit Ihnen für mich ein Erlebnis wäre, es hätte auch nicht das geringste zu bedeuten, wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung machte; man kann ein gekrümmtes Rückgrat und doch seine Sentiments haben, aber die gehen einen dann ganz allein etwas an. Ich sage das nur, damit Sie nicht glauben, ich bin ein Opfer, im Gegenteil – aber wie gesagt, das ist egal. (…)« S. 130.

Alle Figuren sind letztendlich lächerlich und sündig. Und alle Handlungen haben eine zweite Bedeutungsebene. Wenn Knospelius etwas Bagatelle aussagt, dann deutet er auf etwas Tiefgründiges. Wer der Opfer ist, bleibt immerhin eine Frage.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich habe dieses Buch vor sehr langer Zeit gelesen und mir damals einige Stellen angestrichen. Z.B. die folgende: „Die Fenster waren geöffnet, vom Garten strömten warme Düfte herein, zuweilen verirrte eine Biene sich im Zimmer und erzählte mit ihrem Summen von den sonnenbeschienenen Rosen draußen.“ Er trifft damit die Stimmung, die ich als Kind auf dem Lande erinnere.

    Gefällt 1 Person

    1. Veronika sagt:

      Sehr schön, Vielen Dank! Auch ich schrieb mir Sätze auf, denen ich nicht widerstehen konnte.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s