Lichtdurchwobener Sommer

Klaus Modick: Keyserlings Geheimnis, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018 ISBN-13: 9783462051568

#Keyserling100

Eine schöne Hommage auf Eduard von Keyserling. Klaus Modick schafft es, ihn so geschickt in die Szene zu setzen, dass der Roman zwar grundsätzlich über ihn und seine Zeit erzählt, doch immer wieder auch eine Andeutung über den heutigen literarischen-künstlerischen oder sogar moralischen Kontext verspüren lässt.

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Wir sehen Keyserling, den baltischen Edelmann, schon bekannten Dichter, zunächst in München, wie er sich im Spiegel betrachtet. Seine Krankheit steht schon in seinem Gesicht geschrieben. Trotzdem lebt er, ungefähr Mitte 40, ein ausgewogenes Leben, mit seinen Schwestern, die sich um ihn kümmern und im Kreis von Schriftstellern und Künstlern. Freunden, mit denen er im Sommer 1901 am Starnberger See einen idyllischen Urlaub verbringt.

Kurz hinter Starnberg öffnet sich das Seepanorama. Die sinkende Sonne legt eine Glutspur aufs Wasser, gekreuzt von der Kiellinie eines weißen Raddampfers. An den Ufern wachsen grüne und blaue Schatten wie Rahmen eines Bildes, und am südlichen Horizont ragt das ungeheuerliche Relief der schneebedeckten Alpengipfel auf. Als würden die Dinge nun Farben ausatmen, die der Tag ihnen eingehaucht hat, verschwimmen sie zu schwankenden Linien über dem tiefer werdenden Silberblau des Wassers.“ S. 41-42

Als ob die Beschreibung, aber zumindest der letzte Satz von Keyserling zitiert wäre. Während des Urlaubs porträtiert ihn, „die noble Edelfäule“ der Maler, Lovis Corinth. Wieder eine Gelegenheit über sein Aussehen zu grübeln. Der Roman zeichnet allerdings durch kleine spannenden Episoden auch eine wunderbare Persönlichkeit. Seine Neigung zur Ironie, seine sichere Menschenkenntnisse, sein Wohlwollen zu Menschen mit egal wie vielen Charakterschwächen. Seine respektvollen Umgangsformen, die nie oberflächlich sind.

Und es wird auch „sein Geheimnis“ erzählt. Eine Liebesgeschichte, mit langsamen Schritten zurück in die Vergangenheit. Erst ist Wien dran und dort eine bürgerliche Liebe. Keine großen Erwartungen, keine glühende Leidenschaft, doch Liebe. Und dann gräbt der Erzähler noch tiefer in die Vergangenheit des Schriftstellers, als ob zu seinen (literarischen) Wurzeln, nach seinen Geheimnissen. Eine Liebe kommt zum Vorschein zu einer jungen, wunderschönen Dame, Ada. Es ist eine hoffnungslose Liebe für Keyserling, da Ada verheiratet ist. Doch eine Liebe mit voller Sinnlichkeit, denn die verführerische Ada kennt keine Grenzen.

Im Gegenteil zur Keyserling‘s Prosa, lässt in mir die Liebestheorie, die hier entfaltet, keine Fragen unbeantwortet. (Ich mag offen gebliebene Fragen, so ist mir der Schluss des Romans wie eine frivole Kabarett-Szene.) Sie ordnet die Liebenden in drei Kategorien. Die Schönen und die Hässlichen kennen keine glückliche Liebe, entweder müssen sie ihr vorteilhaftes Aussehen in Münzen wechseln oder sind sie, was die Schönheit betrifft, von Natur so vernachlässigt, dass sie sich nie richtig liebenswürdig vorkommen. Alle anderen, sie gehören zu der dritten Kategorie, finden sich schon zurecht. Keyserling, der sich in dieser Geschichte komplett hässlich empfindet, braucht auf die Sinne der Damen für Philosophie und Humor bauen.

Der Roman ist sprachlich hervorragend, er ist spannend, gelassen, heiter und lustig. Ich habe die Beschreibungen am liebsten, die Keyserlings innere Eindrücke, Gedanken und Erinnerungen, sein literarisches Denken widerspiegeln:

„(….) Es duftet unaufdringlich nach blühendem Holunder, aber in Max Halbes Garten steht kein Holunderstrauch. Im Halbschlaf dämmert Keyserling, dass der Holunder nur in seiner Erinnerung blüht. Auch die erinnerung hat ein Klima, hat Flora und Fauna. Der wahre Sommer ist niemals der, den man gerade erlebt, sondern der andere, lichtdurchwobene, durferfüllte, wundervolle, an den man sich eines Tages erinnert. S. 74.

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. kowkla123 sagt:

    danke für die Info, auch heute ist es wieder ein guter Tag geworden.

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  2. Eine sehr kompetente und einfühlsame Rezension. Als ich vor längerer Zeit Kaiserlings „Wellen“ und später Romane von Modick, hatte ich das Gefühl, dass dort eine atmosphärische Entsprechung auszumachen war. Dass Modick jetzt über Kaiserling schreibt, scheint mir sehr stimmig.

    Gefällt 1 Person

    1. Veronika sagt:

      Herzlichen Dank! Dann lese ich noch mehr von Modick. Ich glaube, Keyserlings Epoche ist für unsere Zeit (oder für mich?) auch sehr interessant, die Entfaltung der Moderne. Die künstlerische Szene, in der verschiedene Freundeskreisen entstanden.

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