Im Ardenner Wald

Wie es euch gefällt“ von William Shakespeare ist für mich das bedeutendste Lustspiel überhaupt. Es handelt von Liebe, zwischen Verliebten, Verwandten oder Freunden, indem es um die zwei Seiten derselben Medaille geht: Zuneigung und Ablehnung, Naivität und Misstrauen, Ehre und Schmach, Poesie und Sachlichkeit, Wahnsinn und Nüchternheit, Sein und Schein, falsch und echt.

Mein Exemplar wurde 1979 als Diogenes Taschenbuch veröffentlicht.

Orlando ist der jüngste Sohn des verstorbenen Freiherrn Roland de Boys, der aber nicht als ein Edelmann erzogen worden ist. Er sucht sein Glück und stellt sich auf verschiedene Proben, um zu beweisen, dass er die Sitten, die ihm abgesprochen sind, besitzt. Ein alter Diener, Adam, ist sein treuer Helfer, denn andere Freunde hat er nicht. Bis er zwei Herzogstochter, Rosalinde und Celia, beste Freundinnen, trifft. Rosalinde ist die Tochter des verbannten Herzogs, und muss sich nach Orlandos Auftritt auch aus dem Weg räumen. So flüchtet sie mit ihrer Freundin und mit einem Narren aus dem Hof zu ihrem Vater.

Alle tauchen im Ardenner Wald auf. Hier treffen sich Schäfer, Verliebten, Bauer und Edelleute, und tauschen sich über Liebe, Moral aus, wie das im Hof nie möglich wäre. „Sind diese Wälder/ Nicht sorgenfreier als der falsche Hof?“ fragt der Herzog im zweiten Aufzug. Verschiedene Gedanken, Sichtweisen treten hier auf, die manchmal widersprüchlich sind. Es ist uns überlassen, wie es uns gefällt.

Rosalinde trägt allerdings männliche Klamotten und gibt sich als ein junger Mann aus, der Orlando aus der Liebe zu ihr heilen will. Ganz widersprüchlich. Ihre Methode noch mehr: er muss sich einbilden, dass sie, obwohl sie für ihn einen Mann spielt, seine Geliebte ist. Im shakespeareschen Theater spielten auch die weiblichen Rollen Männer, so verwirrt musste das Publikum nicht gewesen sein. Doch das Paar ist zutiefst komisch, nicht anders, wie die sonstigen Paare im Stück. Beim Lesen habe ich immer wieder das Gefühl, dass Orlando mit Rosalinde ebenso spielt, wie sie mit ihm, und er sie ebenso auf die Probe stellt. In der Mitte des Lustspiels läutet die berühmte Aussage auf:

„Die ganze Welt ist Bühne/ Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.“

(„Wie es euch gefällt“ ist zwischen 1598 und 1600 entstanden. Übersetzt von August Wilhelm v. Schlegel.)

Im “Wie es euch gefällt” treffen sich die Verbannten im Ardenner Wald. In dem wunderschönen Gedicht von Zbigniew Herbert (1924 Lwow, ehem. Lemberg -1998) ist der Ardenner Wald der Ort der Erinnerung mit geschichtlichen Andeutungen auf den zweiten Weltkrieg.

Der Ardenner Wald

Die Hand halt hin um Traum zu schöpfen
wie man des Wassers Körnchen schöpft
da kommt der Wald: die grüne Wolke
ein Birkenstamm als Lichtsaite
und tausend Lider fangen an zu flattern
in Blättersprache fast vergessen
und dann entsinnst du dich des weißen Morgens
als du gewartet auf der Tore Öffnung

du weißt dies Reich öffnet der Vogel

der schläft im Baum der Baum dagegen in der Erde

doch hier ist eine Quelle neuer Fragen

unter dem Fuß Strömungen böser Wurzeln

so schau aufs Rindenmuster auf dem

die Saite der Musik sich festzieht

der Lautenspieler dreht die Wirbel

damit ertönt was sonst nur schweigt

streif weg die Blätter: Erdbeerstrauch

Tau auf dem Blattwerk Kamm des Grases

weiter der Flügel einer gelben Nymphe

und hier begräbt die Ameise die Schwester

und oben über dem Verrat der Tollkirschen

reift süß die wilde Birne

so warte nicht groß auf Belohnung

nimm Platz unter dem Baum

die Hand halt hin um die Erinnerung zu schöpfen

das trockene Körnchen toter Namen

und wieder Wald: verkohlte Wolken

die Stirn mit schwarzem Licht gezeichnet

und tausend Lider ziehen sich zusammen

ganz eng auf unbewegten Augäpfeln

der Baum gebrochen wie die Luft

verratener Glaube leerer Bunker

doch jener Wald ist nur für uns für euch
die Toten bitten auch um Märchen
um eine Handvoll Kräuter Wasser der Erinnerung
so geh denn über Nadeln übers Rascheln
und übers feine Garn der Düfte
egal dass Zweige dich aufhalten
der Schatten über krumme Wege führt
du wirst sie finden und sie öffnen
unseren Ardenner Wald

Zbigniew Herbert

Aus dem Polnischen von Karl Dedecius
in Anthologie Natur! S. 88-89. © Penguin Verlag 2018 oder Gesammelte Gedichte S. 40-41. © Suhrkamp Verlag Berlin 2016

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