Magie im walisischen Schloss

Antal Szerb: Die Pendragon-Legende dtv 2004 (1934) ü: Susanna Großmann-Vendrey

„Die Pendragon-Legende“ handelt – inbrünstig formuliert – von der Liebe zur Bibliothek, also zum Lesen, aber es tut das so zwischen den Zeilen.

Der Roman ist ein spannender und zugleich amüsanter Krimi, der sich in London (zumal in der Bibliothek des British Museum) und auf dem Schloss von dem exzentrischen Earl of Gwynedd in Wales abspielt. Der Ich-Erzähler, Dr. Bátky ist ein ungarischer Wissenschaftler, ein Fremder auf den britischen Inseln, der doch aus Büchern alles über die Rosenkreuzer weiß. Eben deshalb erhält er die Einladung in die exklusive Bibliothek des Schlosses, um dort in geheime Schriften hineinblicken zu können. Denn die Geschichte der Familie und der Rosenkreuzer hängt zutiefst zusammen. Dr. Bátky recherchiert aber nicht nur die allegorischen Schriften der Rosenkreuzer, er ermittelt auch in einem Kriminalfall der Familie, wobei jede Figur, die in der Geschichte erscheint, verdächtig ist, er selbst mit einbegriffen.


Tatsächlich sind die Figuren des Romans alle eigenartig und liebenswürdig verdächtig. Ein großes literarisches und kulturgeschichtliches Apparat kommt in Bewegung: legendäre, magische, okkulte Kenntnisse der Rosenkreuzer über Leben und Tod, darüber hinaus Sharlock Holmes, Sigmund Freud, Casanova, Goethe, Shakespeare, implizit sogar Jane Austen werden herbeigeführt. Dr. Bátky schwört ewige Liebe für London und die englischen Frauen, fungiert wie ein literarischer James Bond, er löst sämtliche Rätsel, entkommt tödlichen Gefahren, verführt alle Frauen, die seinen Weg kreuzen – allein dank der paradoxen Logik der Denkenden und dank seiner lyrischen Verfassung. So witzig, so leichtsinnig auch seine Erzählung ist, am Ende wird seine Geschichte furchterregend und dramatisch. Sogar magisch, sozusagen eine Reise in das Nichtbewusste.

Antal Szerb wurde 1901 in eine jüdische Familie in Budapest geboren, 1907 trat er mit seinem Vater in die römisch-katholische Kirche, später besuchte er das Gymnasium der Piaristen (Literatur unterrichtete ihm Sándor Sík, Schriftsteller und Dichter). Er studierte in Graz und Budapest, ab 1924 lebte er eine Weile in Frankreich, Italien, dann ein Jahr in London. Szerb war, wie sein Protagonist, János Bátky, Geisteswissenschaftler, Literat. Er schrieb z.B. eine Literaturgeschichte, die informativ, leidenschaftlich und noch heute ein Lesevergnügen ist. Auch seine Romane sind enzyklopädisch, lesenswert und einzigartig. „Die Pendragon-Legende“ ist sein erster Roman (1934), in dem er wahrhaftes Wissen über die Rosenkreuzer vermittelt, zudem seine adlige Romanfigur, der Earl of Gwynedd, sowie seine Ahnen reale historische Vorbilder haben. Sein berühmtester Roman, „Reise im Mondlicht“ erschien 1937, 1935 und 1937 erhielt er den Baumgarten-Preis, die schon erwähnte „Die Literaturgeschichte der Welt“ erschien 1941. 1945 wurde er im KZ Balf zu Tode geprügelt.

Die Pendragon-Legende war meine Sommerlektüre. Selfie.

In meiner Hand halte ich eine sehr gut gelungene Übersetzung. Oft spürte (hörte, las) ich die ungarischen Formulierungen hinter den Deutschen (mit). Ich las das Buch im Urlaub genüsslich, die stimmungsvollen Sätze, wie die folgenden, zweimal und noch einmal:

„Inzwischen haben wir die Bibliothek erreicht.

Es war ein schmaler, langgestreckter Saal, an den Wänden unzählige Bücher, alle trugen das Pendragon-Wappen mit dem Rosenkreuz, als wären sie in Uniform.

Mir wurde sofort warm ums Herz. Mich überkommt jedesmal ein einzigartiges Gefühl, wenn ich eine so große Anzahl von Büchern sehe. Dann möchte ich mich am liebsten in ihnen wälzen, in ihnen baden, den wunderbaren Geruch verstaubter alter Folianten schnüffeln, kurz, mit allen Sinnen Bücher spüren.“ S. 68-69

„Es gibt im Leben Zeiten, da erhält plötzlich alles eine tiefere Bedeutung. Der Wind trägt ein Gemisch aus Düften durch das offene Fenster herein: Ich rieche die Süße der Blumenbeete, den ernsten Duft der Bäume, Heu- und Stallgerüche und etwas Bitteres, das ich nicht benennen kann.

Wir sind so traurig, wie wir es einst mit Sechzehn waren, die gebrochenen Linien unserer Verliebtheit liegen, einer Fieberkurve gleichend, vor uns, wir freuen uns zögernd auf die Tage, die kommen werden, hoffen auf künftige Trophäen, und im Umkreis von zehn Kilometern hören wir jeden Laut.

(…)

Es ist Sommer, und ich spüre intensiv, dass der Winter naht, die weiße Weihnacht, wenn der Tee besonders gut schmeckt. Ich möchte in den grünen Lagunen der Koralleninsel segeln… Ich möchte alles, und mit meiner Sehnsucht bin ich Teil des Ganzen.“ S. 151


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  1. Ich hätte deinen Beitrag gerne „geliked“, aber leider erscheint kein Like-Button. Also tue ich es auf diese Weise.

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