Rauch

Eine Sammlung von Kurzgeschichten, wobei ich nach jeder einzelnen spontan den Kopf hob, mir die Brille von der Nase zog, schweigend vor mich hin schaute, bevor ich weiter las.

Ich mag dieses Innehalten (Nachdenken ohne konkrete Schlussforderung) beim Lesen sehr. Die kurzen Geschichten wirken, wie Rauch. Das Cover ist treffend schön. Der Text scheint manchmal, meist zum Auftakt, eine Parabel oder eine Metapher fürs Leben zu bilden, aber dann schwebt diese Vorstellung von deinem Horizont hinweg, und wenn du sie loslassen kannst, dann formt der Text schon eine andere Gestalt. Denn die Geschichten sind nicht unbedingt zu Ende erzählt, nicht in eine Rahmengeschichte eingepackt, sondern formen sich assoziativ, anekdotisch, wie man ja unter Freunden Geschichten aus dem eigenen Leben erzählt. Von Schirach‘s Scheibstil ist, dass er mit einer atmosphärischen Episode anfängt, die er dann, ohne diese Erzählung abzurunden, in eine andere Geschichte hinüberführt (oder umgekehrt). Es blenden dann Zitate, Filmszenen ein. Also der Rauch formt sich, dreht sich, unterhaltsam und melancholisch. Wenn die Geschichten ein wenig humorvoll sind, geben gleichzeitig noch mehr Grund, betrübt zu werden.

Achtundvierzig Kurzgeschichten, persönliche Ereignisse aus der Jugend, vom Berufsleben als Strafverteidiger oder als Schriftsteller, prägende Autoren, Bücher und Filme, Gedanken. Das Buch erinnert, schon wegen seines Titels, an „Coffee and Cigarettes“ von Jim Jarmusch (2003), einen Episodenfilm. Die aneinandergereihten Kurzfilme stellen Gespräche zwischen (legendären) Personen aus dem Freundeskreis vom Regisseur dar. Und erinnert an den Film „Blue in the Face“ von Wayne Wang, der im Anschluss zum „Smoke“ (1995) gedreht worden ist. Eine Sammlung von Improvisationen, Gesprächsszenen mit legendären Persönlichkeiten, wie Jim Jarmusch, und anderen Brooklyn-Bewohnern.

„ (…) Hemingway soll bei seiner Abreise einen Koffer mit Tagebüchern und Notizen im Hotel Ritz vergessen haben. Erst als er 1956 wieder Paris besuchte und ein Kellner ihm überraschend den Koffer aus dem Keller brachte, konnte er dieses Buch schreiben. Er hatte jetzt die Erfahrung eines ganzen Schriftstellerlebens und die frischen Erinnerungen seiner Jugend. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber vielleicht kommt es bei guten Geschichten auch gar nicht so sehr darauf an.

Als ich jung war, durfte man in den Cafés noch rauchen. Ich bewohnte ein winziges Zimmer, es war teuer und in einem grauenhaften Zustand. (…) “ S. 42. Das erwähnte Buch ist: Ernest Hemningway: Paris – Ein Fest fürs Leben

„Für mich jedenfalls sind Hanekes Filme wie Haikus. Sie sagen genau das, was sie sagen wollen, nichts anderes. Es gibt Geheimnisse und Anspielungen, die Geschichten lösen sich nie auf, aber es gibt keine Metaphern, so wie es im Leben keine Metaphern gibt.“ S. 83.

Ferdinand von Schirach: Kaffee und Zigaretten, Luchterhand Verlag, 2019

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Michel sagt:

    Das tönt interessant

    Gefällt 3 Personen

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