Ab mit den Trugbildern

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand, Berlin Verlag 2019

Als Teenager bewundert man die Boheme, das Künstlerleben, wie es in Biografien und Kunstbüchern über die Moderne beschrieben ist: Kaffeehäuser-Gespräche, bahnbrechende Zusammenarbeiten, außergewöhnliche Lebenswege, großartige Lieb- und Freundschaften… Fachbücher fabrizieren sicherlich Legenden, doch die neuesten Zeiten des Kunstbetriebs sind anders.

Der Roman „Der junge Doktorand“ schildert eben die bittere Seite des Künstlerlebens, die menschlichen Abgründe des falsch eingestellten Kunstbetriebs. Der Künstler Günter Greilach zog noch in seinen jungen Jahren, noch an der Spitze seines Erfolgs in eine entlegene, umbaute Wassermühle um. Er ist schon im Alter und wartet, mit seiner Frau, Natascha, auf den jungen Doktorand, wie auf einen Godot (Samuel Beckett), der über ihn schreiben würde, wodurch seine Kunst wieder in den Kreislauf des Kunstbetriebs geraten könnte.

Der allwissende (und verborgene) Narrator nimmt die verschiedenen Perspektiven der Hauptfiguren in die Erzählung auf. Zunächst strömen die Monologen von der Ehefrau, Natascha hervor. Sie schüttet auf uns ihre ganzen Gedankengänge, auch Vorstellungen darüber, was andere, zum Beispiel die Nachbarn denken, sagen, sogar sagen würden, wenn bestimmte Situationen und Ereignisse stattfänden. Die Erzählung zeigt dazu ihre Körpersprache, und weitere Kommentare sind dann nicht mehr notwendig, damit wir über sie ein vernichtendes krankhaftes Bild erhalten. Besonders als der Ehemann, der Künstler das Wort übernimmt: „Du sprichst“, kurz darauf: „Dann hast du eben laut gedacht.“ (S. 39)

Zum Vorschein treten nicht nur Ursachen und Ziele, aber Träume, Fantasien und Illusionen; wir können die Hintergedanken des Künstlers lesen. Auch der Doktorand, Fabian, hat seine Sichtweise und seine Vorgeschichte, warum er bei dem Künstlerehepaar landet. Er beugt sich die ganze Zeit über sein Handy, so versucht er vom sprachlichen Gewalt der Älteren nichts mitzubekommen. In der Groteske, die durch die Erzählung entsteht, ist er, der Doktorand der Einzige, der vielleicht Hoffnung auf ein Besseres hegen kann.

Der Roman handelt natürlich nicht nur von dem Künstlerleben, sondern hinterlässt bei den Lesern Fragen zu der gesellschaftlichen Rolle und zu der Bedeutung der Kunst. Er beschreitet sprachlich und erzählerisch neue Wege, und seine moralischen, menschlichen Dimensionen und seine kritische Härte erinnern mich ein wenig an den „Satanstango“ von Krasznahorkai. Für mich eine bedrückende Lektüre. „ Der junge Doktorand“ steht auf der Longlist der Deutschen Buchpreises.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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