Auf der Laufstrecke

Isabel Bogdan: Laufen, Kiepenheuer & Witsch 2019

Die Ich-Erzählerin läuft, läuft und läuft, und während des Laufens denkt sie nach. Sie muss eine schwierige Lebenskrise bewältigen, ihre Verzweiflung, ihre Selbstbeschuldigung besiegen. Das Laufen hilft ihr die winzigen Lichter des Glücks zu bemerken, die überall erleuchten, auch in der tiefsten Dunkelheit der Trauer.

Laufen, 6-7 Kilometer, eine Kraftprobe. Zunächst widerstrebt ihr Körper. Aber dann wird das Laufen Gewohnheit. Sie erzählt uns – so beim Laufen – alles, was man sonst niemandem erzählt. Ihre Gedankengänge kreisen um schwerwiegende Themen wie Suizid, Einsamkeit, Depression, Tod. Dieser Gedankenlauf dreht sich dann nicht einfach in einem Kreis, sondern wie eine musikalische Fuge (zum Beispiel wie Bach-Fugen) übergeht er in immer wieder neue Variationen, mit dem hundertmal wiederholten Intervall: „ein ein aus aus aus aus“ nach der Ordnung des Atmens zwischen den Sequenzen.

Sie läuft, und sie ist Musikerin. Ihre Gedankengänge besitzen einen Rhythmus, denjenigen der seelischen Verletzung. Wie das Atmen den Rhythmus des Laufens ordnet. Ein der ersten Hilfsgedanken, aus meiner Sicht, ist die Geschichte, die sie über eine Kollegin erzählt:

„sie kam morgens nach durchwachter Nacht aus dem Krankenhaus, hat sich ihr Auftrittskleid angezogen, ist auf die Bühne gegangen und hat Heut macht die Welt Sonntag für mich gesungen, weil sie Profi ist, und dann hat die Welt eben Sonntag für sie gemacht, eine geschlagene Stunde hat sie Operette gesungen, Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist, das ganze Zeug, ich weiß nicht, wie so etwas geht, aber sie hat gesagt, wenn man sein Auftrittskleid anhat und auf die Bühne geht, ist man Profi, und es geht, zusammenbrechen kann man später noch.“ S. 32

Als ihr Körper dann nicht mehr widersteht, als die Erholung ihren Weg findet, erzählt sie nicht nur über ihr Leiden, über Geschehnisse, die sie nicht ändern konnte, Gedanken, die sie quälen, sondern darüber, wie sie die Hilfe ihrer Freunde akzeptiert, wie sie sich von der Schönheit der zyklisch wechselnden, immer erneuernden Natur verführen lässt, wie sie zu fremden Menschen auf der Laufstrecke Verbindungen verspürt. Über die gesunde Sehnsucht nach Liebe, aber manchmal pur nach Kuscheln und Berührung. Auch ein kitzliges Thema, über das zu wenig gesprochen wird, und das schon im ersten Buch der Autorin, „Der Pfau“ vorkam. Überhaupt, Isabel Bogdan wirft im „Laufen“ wichtige Themen, wie zum Beispiel unerfüllter Kinderwunsch, unverheiratet Verwitwet-sein, Einsamkeit, oder alternative Formen des Zusammenhalts (statt Ehe), auf, die Einzelmenschen gegenwärtig beschäftigen oder betreffen.

Nach Laufen im Gras liegend

„Schuldgefühle sind gar keine Gefühle, sondern Gedanken, und diese Gedanken sind zum allergrößten Teil falsch.“ S. 89

Zu dieser Feststellung führt ein langer Weg, der aber auch mit Humor überwachsen ist:

„Zweiundvierzig Kilometer, der Wahnsinn, warum tut man sich so was an, wobei, andere Leute hören freiwillig Wagneropern, das ist wahrscheinlich so was Ähnliches, ich zum Beispiel, ich spiele sie sogar, sie haben so fantastische Momente, auch wenn es nicht meine absolute Lieblingsmusik ist, vielleicht ist der Marathon die Wagneroper unter den Sportarten.“ S. 115

„Laufen“ handelt von innerlichen Bewegungen, und auch wenn es sich viel mit Tod und Trauer beschäftigt, ist es das Buch des Wiederfindens der Lebensfreude.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ruhrköpfe sagt:

    das klingt spannend und kommt auf meine Bücherliste. Danke für den Tipp 🙂

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    1. Veronika sagt:

      Sehr gern. Liebe Grüße! Veronika

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