Sulamith

Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt, Kiepenheuer & Witsch, 2019

Esther, die Ich-Erzählerin des Romans, verlebt ihre Jugend in einer Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas nach dem Mauerfall im Osten von Deutschland. So sehen wir die Welt mit ihren Augen mal als Mädchen, mal als Teenager, auch wenn sie die Geschichte von einem späteren Zeitpunkt aus erzählt. In ihrer Erinnerung steht die Freundschaft mit Sulamith, ihrer Freundin, im Mittelpunkt, und bestimmte Andeutungen lassen von Anfang an ein tragisches Ende der Geschichte mutmaßen. Während das Leben in der Gemeinde keinen Teil der Welt bildet, ist von den ersten Zeilen klar, dass Sulamith für immer Teil von Esthers Leben bleibt.

Das gläubige Milieu erfüllt das Leben Esthers Familie mit strengen und oft sinnlosen Regeln, zwar auch mit existenzieller Sicherheit, indem die Eltern ihrer religiösen noch dazu abergläubischen Berufung hingebungsvoll folgen. Der Konflikt zwischen den zwei Welten, zwischen den Wirklichkeiten der Gemeinde und der Gesellschaft (mit ihren Werten und Regeln) rieselt mir kalt über den Rücken. Obwohl die Außenwelt mit ihren verbotenen Früchten wärmer und heller erscheint – darunter sind auch Ronja Räubertochter, Räuber Hotzenplotz und Pumuckl zu verstehen.

Stefanie de Velasco schreibt über wahre und falsche Liebe herzerweichend und bildhaft, sie erläutert durch lebhafte Szenen und authentische Dialoge die Wärme einer Freundschaft, die schmerzhafte Tiefe der Trauer, die Qual des Heranwachsens.

Agape, so heißt die Liebe zu Gott, die anderen hat man uns nicht gelehrt. Man hat uns gelehrt, dass die Liebe in der Welt so etwas wie ein Liter Milch ist. Sie wird schnell leer, viel eher, als man denkt. Sie wird schnell schlecht, man muss sie zügig aufbrauchen. Die Liebe, hat man uns gelehrt, ist in der Welt wie eine Infektion. Sie macht krank, und wenn man sie nicht früh genug behandelt, bringt sie einen um. Diese Liebe, vielleicht ist das der Anfang.“ S. 36

„Kein Teil der Welt“ erscheint am 10. Oktober. Es ist das zweite Buch von Stefanie de Velasco, ihr Debütroman, „Tigermilch“, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt. Die Autorin selbst wuchs in einer Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas auf. Der Roman erlaubt jedoch andere Deutungen, als die biografische. Da ist der Name zum Beispiel: Sulamith.

Sulamith bedeutet hebräisch: „die Friedliche“. Dieser Name kann uns bekannt vorkommen. Sulamith ist Salomons Geliebte in Hohelied im Alten Testament. Ihre Schönheit hat der russische Schriftsteller, Alexander Iwanowitsch Kuprin bunt besungen, und sie kommt, als allegorische biblische Jungfrau, auch in „Todesfuge“ von Paul Celan, mit aschenem Haar, vor. Im Roman „Kein Teil der Welt“ stammt Sulamith aus dem Banat (Rumänien, eine mögliche Verbindung mit Celan), woher sie als Kind mit ihrer Mutter geflüchtet hat, und ihre hellen Haare kitzeln Esther (imaginär) bei der Erinnerung an sie.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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