Weltvergessenes Lesen

Maryanne Wolf: Schnelles Lesen, langsames Lesen. Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen, Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg, Penguin Verlag 2019 Originalausgabe 2018

Ich dachte schon immer, dass Bücherlesen eine unschätzbare Kraft hat, da es auch solche Fähigkeiten trainiert, wie zum Beispiel eigene Gedanken zu entwickeln oder mit einander respektvoll umzugehen. Maryanne Wolf zeigt in ihrem Buch, warum das tatsächlich so ist, und dass das Lesen – anders als zum Beispiel die gesprochene Sprache, die genetisch fest verankert ist – eine evolutionäre Leistung der Menschheit ist. Eine in der Ära der Digitalisierung bedrohte Errungenschaft. Bedroht, denn das Lesen braucht Zeit, Vertiefung und Aufmerksamkeit. Der Titel „Schnelles Lesen, langsames Lesen. Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen“ weist deshalb auf den Kerngedanken des Buches hin: uns ist das weltvergessene Lesen (auch zukünftig) unentbehrlich.

Mir gefällt, dass die Autorin uns in Form von Briefen freundlich als ihre erhofften Mitstreiter anspricht, und dass sie, während über das Lesen nachdenkt und mithilfe Forschungsergebnissen der Neurowissenschaften argumentiert, durch Vielfalt der Beispiele auch die zauberhafte Welt der Belletristik herbeiführt. Sie erinnert uns auf diese Weise an unsere Leseerlebnisse, die unser Denken prägen. Sie zitiert gleich in dem ersten Brief Marcel Proust (Tage des Lesens, Insel, 2001, S. 36.), um die einzigartige Wichtigkeit des Lesens zu untermauern, nämlich „[…] dass das Lesen »der Initiator ist, dessen Zauberschlüssel uns in der Tiefe unseres Selbst das Tor zu Räumen öffnet, in die wir sonst nicht einzudringen vermocht hätten«“. Proust bleibt unser Gefährte, wie auch Italo Calvino und Emily Dickinson, weil für das Lesen zu plädieren zwar aktuell ist, doch schon immer wichtig war, seitdem wir lesen.

„Wer ist denn jeder Einzelne von uns, wenn nicht eine Kombination aus Erfahrungen, Informationen, Lektüren und Fantasien? Jedes Leben ist eine Enzyklopädie, eine Bibliothek, ein Inventar von Objekten.“ Italo Calvino: Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend, Fischer 2012, S. 147, zitiert im dritten Brief.

Das Lesen ist eine kulturelle Erfindung, behauptet Maryanne Wolf. Die neuronale Plastizität unseres Gehirns macht es möglich, dass durch die Verknüpfung der Bestandteile älterer Systeme über das Recyceln vorhandener Neuronen ein Lesenetzwerk entsteht, das sich formt und von der Umwelt beeinflusst verändert. Was genau im Gehirn geschieht, wenn wir lesen, erklärt die Autorin so plausibel, dass es sogar für Kinder verständlich ist. Sie zeichnet ein Gleichnis von einem Zirkus, hinter dessen Kulissen wir faszinierende Einblicke erhalten.

Aus den neurowissenschaftlichen Überlegungen folgert sie darauf, dass wir (auch zur Zeit des kulturellen, digitalen Wandels) in der Lage sind die Entwicklung unseres Gehirns zu beeinflussen. Das heißt, während unsere Aufmerksamkeit von verschiedenen Medien permanent geteilt wird, dürfen wir die Wichtigkeit dessen nicht vergessen, was und wie wir lesen.

In ihrem Buch setzt sich Maryanne Wolf genau mit diesen Fragen auseinander, nämlich, wie wir lesen, wie sehr uns beeinflusst, was wir lesen, wie sich – auch für die Gesellschaft – wichtige Fähigkeiten, sogar Tugenden in uns durch das vertiefte Lesen entfalten können. Mit besonderem Rücksicht auf die Kinder und ihr Lesenlernen.

„Es wäre katastrophal, würden wir zu einer Nation von technologisch kompetenten Menschen verkommen, die die Fähigkeit verloren haben, kritisch zu denken, sich selbst zu hinterfragen und die Menschlichkeit und Vielfalt der anderen zu achten.“ zitiert sie im neunten Brief Martha Nussbaum (Cultivating Humanity, Harvard Universtity Press, 1997, S. 300)

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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