„Der Oktober ist ein Wimpernschlag.“

In der Literatur oder im Film werden, wenn auch ganz selten, ikonische Protagonisten erschaffen, die uns mit ihren Geschichten durch das Leben begleiten. Figuren, die man so lebendig empfindet, als ob sie eins von uns wären. Der Roman „Herbst“ hat diese schöpferische Kraft.

In der poetischen Erzählung von der aus Schottland stammenden Bestsellerautorin, Ali Smith, pflegen die Hauptfiguren eine außergewöhnliche Beziehung. Elisabeth lernt Daniel kennen, als sie nur 13 ist. Er ist ihr Nachbar und passt quasi auf sie auf, während die alleinerziehende Mutter abwesend ist. Sie gehen gemeinsam spazieren und unterhalten sich über Leben, Bücher, Kunst, so frei und geistsprühend, wie wahrscheinlich nur arglose Kinder und Alte können. Sie ist jetzt in ihren Dreißigern und er ist über 100.

Zum gespenstischen Auftakt des Buches scheint er allerdings nicht mehr ganz lebendig zu sein. Er schwebt zwischen Leben und Tod, indem die allwissende Erzählerstimme eine berührende, visionäre Welt über seine Träume und Gedanken fabuliert. Dadurch ihn sofort als ein sanftmütiges Geschöpf vorstellt. Auch Elisabeth, die – in Kontrast zu ihm – in der gegenwärtigen und allzu wirklichkeitsgetreu schilderten Welt – ihm ähnlich – achtsam herumtastet, findet mit ihrem Feingefühl schnell einen Platz in den Herzen der Leser. Die unpersönliche Erzählerstimme gibt den Lesern ständig das Gefühl, die Gedanken der Figuren zu lesen und ihre Träume zu sehen.

Während wir mit Elisabeth in der Gegenwart unterwegs sind, werden wir mit einem allmählichen Verlustgefühl und mit der zunehmenden Absurdität im gesellschaftlichen Miteinander konfrontiert. Ali Smith zeigt – oft mit viel Witz und Ironie – die Spaltung in der Gesellschaft nach dem Brexit-Referendum auf. Das Gestern blitzt in kleinen Szenensplittern auf, und zeigt die Perspektive eines sehr weisen Hundertjährigen.

„Durch die Zeit reisen kann man, sagte Daniel. Das tun wir ständig. Von einem Augenblick zum nächsten, von einer Minute zur nächsten.“ (S. 179)

Aus der Vergangenheit von Daniel Gluck (ja, Glück) taucht zum Beispiel die Erinnerung einer unverdienterweise vergessenen Künstlerin auf. So lässt sich die Existenz einer Frau blicken, die doch etwas Unvergleichbares in der britischen Pop-art erschaffen hat. Eine herausfordernde Frauengeschichte.

Der Roman schwingt bildreich durch Abwechslung der Jahreszeiten. Ihn bestimmt eine Stimmung des Verlusts in der Jetztzeit und des Abschieds von einem langen Leben. Diese Stimmung ist aber keineswegs wehmütig. Viel mehr klingt sie nach dem Rauschen der Tritte im gefallenen Laub, und nach bunt anmutendem Herbst.

Ali Smith: Herbst, aus dem Englischen von Silvia Morawetz, Luchterhand Verlag 2019 [2016]

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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