In Harmonie zusammenleben

Suchen wir nach weiblichen Hauptfiguren in der Literatur, finden wir kaum Mütter, und wenn doch, meist in verachteten oder jämmerlichen Rollen. Ein ganzer Roman voller Mütter, die noch dazu 10 Jahre Pause in ihrer Karriere gemacht haben, nur um sich um ihre Kinder kümmern zu können? Als feministisch gemeint? Obwohl es heutzutage überhaupt kein Problem ist, Familie und Karriere zu vereinbaren. Stimmt das? Wäre es nicht schön über die Liebe, Wünsche, Hoffnungen, Enttäuschungen von Frauen zu lesen, die Mütter sind? Meg Wolitzer schrieb 2008 einen solchen Roman, „Die Zehnjahrespause“. Und dieser ist sehr spannend, allerdings kein feministisches Manifest: die Figuren sind keineswegs Vorbilder, keine Spur von kämpferischen Feministen.

Sie sind Frauen, die ihr Leben zwischen Familie und Karriere zu meistern versuchen. Sie sind begabt und gebildet. Karen ist Statistikerin, Roberta Künstlerin, Jill Wissenschaftlerin, Amy Juristin. Sie sind gut situierte New Yorkerinnen, leidenschaftliche Mütter, doch sie haben den Anspruch auf eine eigene Karriere nicht aufgegeben. Sie sind befreundet und treffen sich regelmäßig in ihrem Stammlokal, im „Golden Horn“, wo sie über ihre Problemen oder Freuden austauschen können. Sie sind gesellschaftlich und politisch nicht so engagiert, nicht so selbstbewusst, wie die Generation der Feministen in den 70-ern. Diese Generation wird in der Person Amy’s Mutter, Schriftstellerin und Feministin, repräsentiert. Sie schloss damals, als junge Mutter ihre Arbeitszimmertür ab, ließ die drei Töchter selbstständig klarzukommen, und schrieb feministische Romane mit einer Zukunftsvision:

„Die Töchter dieser Frauen, die Generation der Postspekulumfeministinnen, würden zu Frauen heranwachsen, die mit ihren Männern und Kindern in bisher nie gekannter Harmonie zusammenlebten. (…) Es würde keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern geben, und der Anblick eines Mannes mit Schürze, einer Frau mit Werkzeuggürtel, eines Mannes mit Baby im Arm oder einer Frau als Vorstandvorsitzender würde niemanden erstaunen. Alle würden arbeiten, alle würden Einfluss haben, alle würden zu Hause mithelfen.“ S. 63.

Der dominante Handlungsfaden erzählt über Amy. Sie bezeichnet sich als Feministin, wie ihre Mutter. Sie ist in eine ideale Mutter, Penny, „verknallt“. Penny hat drei Kinder, einen interessanten Vollzeitjob in einem Museum, sie beschwert sich nie über finanzielle Schwierigkeiten und sie hat noch dazu einen Liebhaber, also ein frisches Liebesleben. In der ersten Hälfte des Romans wird dieses Ideal aufgebaut und bewundert, um es dann in der nächsten Hälfte abzubauen. Der Roman zeichnet dabei kein gesellschaftliches Tableau, er zeigt lediglich diejenigen jungen Frauen, die die besten Chancen auf der Welt haben, Familie und Karriere zu vereinbaren. Und es bleiben trotzdem Wünsche übrig, auch diese New Yorkerinnen erleben Enttäuschungen, sie scheitern, sie sind sich unsicher. Und doch fühlen sich manchmal glücklich. Meiner Meinung nach geht es darum, ob es überhaupt möglich wäre, das Ideal ohne Kompromisse zu erreichen, und was das Ideal einer modernen Frau ist, wenn es um Familie und Karriere geht. (Dass es viele Frauen gibt, die ungünstigere Voraussetzungen haben, zum Beispiel was Geburtsort, Milieu, Hautfarbe, Migrationshintergrund betrifft, wird hier angedeutet, aber nicht sehr deutlich ausgearbeitet. Trotzdem verfügt der Roman über eine offene Weltanschauung.)

„Die Zehnjahrespause“ lässt glanzvoll die Stadt der Möglichkeiten aufleuchten. New York stelle ich mir beim Lesen ähnlich vor, wie sie in den Woody Allen Filmen erscheint. Das ergibt sich vielleicht daraus, dass in meiner Lesart die Geschichten im Roman humorvoll, offen und mit einer Leichtigkeit erzählt sind. Wir erhalten viele intime Geschichten erzählt, welche wir wahrscheinlich nicht einmal von unseren Freund*innen erfahren könnten. Die Erzählerposition bleibt unpersönlich, sie distanziert sich von den Figuren, aber urteilt nicht. Deshalb ist schwierig zu entscheiden, ob manche Szenen freundlich ironisch oder neutral zu lesen sind. Es wird uns Lesern überlassen, wie wir sie deuten:

„Im Musiksaal der Auburn Day School roch es an diesem Vormittag nach Feuchtigkeitscreme, Augenschatten-Concealer und etwas undefinierbar pheromonhaltig Weiblichen. Jede Mutter verströmte ihren eigenen Duft, die meisten aber einen fruchtigen, mädchenhaften, der entfernt an Saft und Gummibärchen erinnerte.“ S. 209.

Ein langatmiges, ruhiges Buch über kaum ausgesprochene Gefühle, welches die Leser aber nicht aufwühlt, eher zum Nachdenken anregt.

Meg Wolitzer: Die Zehnjahrespause, aus dem englischen von Michaela Grabinger, Dumont, 2019

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Leseprobe auf der Internetseite des Verlags.

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